Die Autofahrer werden schon schauen

Die Fussgänger kümmern sich nicht mehr um den Strassenverkehr. Warum auch? Schliesslich werden ihnen einerseits alle erdenklichen Freiheiten gewährt und auf der anderen Seite wird die gesamte Verantwortung für die Sicherheit einfach dem Autofahrer aufgebrummt. Der Automobilist muss aufpassen, dass nichts passiert. Vom Automobilisten wird erwartet, dass er seine Augen gleichzeitig nach vorne, hinten, rechts, links und oben richtet. Der Fussgänger muss sich um nichts mehr kümmern.

So geschieht es denn auch, dass Fussgänger, ohne den Verkehr zu wahrzunehmen, ohne nach rechts und links (vergessen dann hinten, vorne oben und unten) zu blicken, wo und wann es ihnen grad passt, über die Strasse latschen. Sie wiegen sich in der trügerischen Sicherheit, dass sich die Automobilisten ja schon kümmern, schauen und bremsen.

Und da man als Fussgänger nicht mehr schauen muss, kann man ja auch gleich das Hören weglassen. Kopfhörer auf die Löffel und geilen Sound geniessen. Und bei gleichzeitigem herumfingern auf dem Smartphone verabschiedet sich sogleich das gesamte Bewusstsein in eine andere Sphäre … Man legt sich und sein Leben getrost in die fürsorglichen Hände der Automobilisten.

Nun berichten Blick und 20Minuten, dass es zumindest den Berufschauffeuren reicht. Gefordert ist ein Verbot von Kopfhörern im öffentlichen Bereich. SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner will in einer Interpellation vom Bundesrat wissen, ob man sich darüber schon in irgend einer Form Gedanken gemacht hat.

Auch wenn das Ansinnen eines Kopfhörer-Verbotes wenig Chancen haben wird und kaum umsetzbar ist, muss das Thema auf den Tisch. Grundsätzlich ist jeder selber für seine Sicherheit verantwortlich. Das muss auch im Strassenverkehr wieder so sein. Es ist nicht mehr akzeptierbar, dass die Automobilisten alle Verantwortung tragen müssen und sich die Fussgänger gleichzeitig immer fahrlässiger aufführen.

Zebrastreifenunfälle – Qualitätsjournalismus ist gefragt

Im Zusammenhang mit den von den Qualitätsmedien enorm dramatisierten Unfällen an Zebrastreifen wird fehlende Aufmerksamkeit seitens der Autofahrer als Grund dafür angeführt. Gewiss, jeder Verletzte oder gar Tote wegen einem Verkehrsunfall ist einer zuviel, gar keine Frage. Doch die Schuld nur einseitig auf die Autofahrer schieben zu wollen, ist dann doch zu billig.

Ich habe zu einer Zeit meinen Führerschein gemacht, als die Regelung, dass Fussgänger auf Zebrastreifen Vortritt haben, gerade eingeführt wurde, nämlich anno 1994. Für mich als Neulenker war das damals kein Problem. Ich wurde ja aufgrund der Aktualität diesbezüglich geschult. Weil die Situation zu dieser Zeit auch für die Fussgänger neu war, waren beide Seiten entsprechend aufmerksam.

Im Verlauf der Zeit kamen mir dann und wann Zweifel an besagter Regel auf. Als Autofahrer nämlich dann, wenn die Absicht des Passanten nicht klar erkennbar ist. Will er jetzt die Strasse überqueren oder nicht? Auffällig waren auch ältere Fussgänger, welche die Autos sogar wild gestikulierend zur Weiterfahrt aufgefordert haben – auch wenn sie bereits still standen. Es herrschte eine gewisse Konfusion. Die guten Absichten der Senioren, die Autofahrer nicht zu bemühen, in Ehren, aber Vorschrift ist nunmal Vorschrift. Aber ausser ein paar strapazierte Autofahrer-Nerven schien das nicht sonderlich dramatisch.

Seit einiger Zeit aber ist festzustellen, dass sich die Fussgänger immer unaufmerksamer im Strassenverkehr bewegen. Offenbar wähnen sie sich in einer trügerischen Sicherheit. Die Strasse wird überquert, ohne einen Blick nach rechts oder nach links zu werfen. Wozu auch, schliesslich hat man Vortritt und um die Sicherheit oder Einhaltung der Regeln soll sich gefälligst der Autolenker kümmern. Schliesslich sind ja die Autofahrer die Bösen.

Mir fällt dieses teilweise völlig orientierungslose Herumtorkeln im Strassenverkehr vor allem bei Teenies auf. Das Handy am Ohr, in der Handtasche kramend oder sowieso schon instabil unterwegs, weil sie noch nicht richtig laufen können mit Mammis Hochhackigen, kümmern sie sich ausschliesslich um sich selber und vergessen dabei, wo sie sind. Mitten auf einer Strasse!

Der Strassenverkehr ist eine hochdynamische Angelegenheit, welche sich schlicht und einfach nicht durch und durch reglementieren lässt. Da müssen manchmal Entscheidungen in Sekundenbruchteilen gefällt werden. Um den Strassenverkehr sicherer zu machen, ist die Aufmerksamkeit aller Beteiligter nötig. Zu viel Reglementierung führt lediglich dazu, dass sich die eine oder andere Gruppe in einer falschen Sicherheit zu befinden glaubt.

Und was tun unsere Qualitätsjournalisten? Sie machen es sich denkbar einfach und pflastern nun jeden Zwischenfall an einem Zebrastreifen auf die Titelseite. Wie wäre es dagegen zur Abwechslung mal mit wirklichem Qualitätsjournalismus? Wie wäre es mit etwas qualitativer Aufklärung? Qualifizierte Fragen gäbe es genug:

  • Muss ich als Fussgänger auch auf die Autos achten?
  • Muss ich mit dem Auto einen Velofahrer den Vortritt gewähren, wenn er über einen Zebrastreifen fahren will?
  • Welche Spur befahre ich vor dem Kreisel, wenn ich die erste, zweite, oder dritte Kreiselausfahrt benutzen will?
  • Wer hat Vortritt innerhalb des Kreisels?
  • Darf ich als Fussgänger auch auf die Autobahn, wenn ich Turnschuhe trage und dort eine Vignette angeklebt habe?
  • Gelten für Fahrräder die selben Verkehrsregeln wie für Autos?

Können die Qualitätsmedien qualifizierte Antworten liefern sowie ihre Pflicht wahrnehmen und die Leser informieren statt nur aufzustacheln?