Extrablatt Volksbefragung: Kantonale Schulhoheit

Im Extrablatt (Februar 2013) der SVP kann der Leser an einer Volksbefragung zum Thema «Familie und Bildung» teilnehmen. Ich tue das. Öffentlich.

Die Kantonale Schulhoheit ist beizubehalten. Dies führt zu einem gewissen Wettbewerb der Kantone, insgesamt zu besseren Lehrmitteln und dank Methodenvielfalt zu besseren Schulen.

Ein Lehrplan kann auch überkantonal Leistungsziele definieren, lässt den Lehrern den Weg zur Zielerreichung jedoch frei. Der kantonale Lehrplan hat sich am Streben nach Leistung und nicht an der Gleichmacherei zu orientieren. Berufsverbände und Unternehmen definieren, was sie von den Schulabgängern erwarten. Die Schule hat die Schüler darauf vorzubereiten, mit jährlichen Abschlussprüfungen und Noten.

Ob die Hoheit bei den Kantonen liegt oder nicht, ist gar nicht so relevant. Mit dem Bildungsrahmenartikel aber hat das Volk beschlossen, dass man eine Vereinheitlichung der verschiedenen kantonalen Schulsysteme will. Das war ein Volksentscheid. Diesem Volksentscheid wollten Bildungsromantiker mit dem vollkommen verunglückten HarmoS-Konkordat nachkommen, über welches ich auf diesem Blog schon verschiedentlich berichtete. Der SVP ist es zu verdanken, dass dieses Fehlkonstrukt nicht  bundesweit für verbindlich erklärt werden konnte. Offen aber bleibt die Harmonisierung, die wurde noch nicht realisiert. Dem Volksentscheid wurde noch nicht entsprochen. Dies tut man aber, wenn die folgenden Punkte geregelt sind:

  • Für die ganze Schweiz einheitliche Lehrmittel
  • Für die ganze Schweiz einheitliche Lehrpläne
  • Für die ganze Schweiz dasselbe Einschulungsalter
  • Für die ganze Schweiz einheitliche Schulstrukturen und Stufenbezeichnungen

Ein grosses Problem für die Lehrer sind Schüler, welche bestenfalls sogar noch während dem Schuljahr von einem Kanton in einen anderen umziehen. Durch das föderalistische Bildungssystem befindet sich dieser Schüler auf einem anderen Level als die neue Klasse. Und das jeweils von Fach zu Fach unterschiedlich. In Mathe kann der neue Schüler Zeug, von denen die anderen Schüler noch nicht mal wissen, dass es das gibt. Und in Deutsch hat die Klasse bereits Dinge gelernt, die dem Zuzüger noch völlig fremd sind. Um dies auszugleichen, ist ein enormer Effort des Lehrers gefordert. Vielleicht muss sogar Nachhilfe erteilt, eine zusätzliche Lehrperson bemüht werden. Das kostet. Mit einheitlichen Lehrmitteln und einheitlichen Lehrplänen lässt sich das vermeiden. Zudem sind alle Schüler, egal wo sie wohnen, nach dem 2., 4. oder 6. Schuljahr mehr oder weniger auf dem selben Level. Und das ist anzustreben.

Ganz kurios finde ich die Argumentation, dass ein «gewisser Wettbewerb der Kantone» in der Schule zu besseren Lehrmitteln und zu besseren Schulen führen soll. Genau dieser «Wettbewerb» ist mitverantwortlich für die Reformitis der letzten Jahre an unserer Volksschule. Jeder Kanton versuchte irgendwas, aber immer ein bisschen anders, als ein anderer Kanton bereits damit gescheitert ist. Wettbewerb innerhalb der Kantone hat in der Bildungspolitik nichts zu suchen.

Positiv zu werten an dieser Massnahme ist, dass die Wirtschaft ihre Bedürfnisse anmelden kann. Es ist völlig richtig, dass die Schule die Kinder auf ihre spätere Tätigkeit in der Wirtschaft vorbereiten soll. Richtig ist auch, dass die Leistung der Schüler wieder mit Noten gemessen und ausgedrückt wird. Jährliche Abschlussprüfungen jedoch halte ich für übertrieben. Es genügt, wenn man eine «Übertritts-» oder «Gymiprüfung» durchführt. Ob ein Schüler die geforderten Leistungen für den Klassenaufstieg erbringt oder nicht, kann auch anhand der Jahreszensuren ermittelt werden.

Ich befürworte diese Massnahme nicht.

HarmoS ist tot – es lebe der Lehrplan 21

Die Konferenz der Bildungsdirektoren hat sich ein neues Ziel gesetzt. Man will die Lehrpläne – zumindest mal in der Deutschschweiz – vereinheitlichen. Damit tut man endlich das, was damals im neuen Bildungsrahmenartikel vom Volk gefordert wurde. HarmoS war viel zu aufgebauscht, beinhaltete neben den wirklich nötigen Anpassungen zu viel anderer Schnickschnack und war deshalb untauglich.

Natürlich, mit dem Lehrplan 21 reden wir nur vom Lehrplan, noch nicht von Ferien oder ähnlichem. Aber es ist ein einzelner Schritt in die richtige Richtung. Und natürlich, die Kantone werden weiterhin noch viele Freiheiten haben. Doch bei der Entwicklung des neuen harmonisierten Lehrplanes dürften Verbesserungen durchaus noch eintreten.

Zwar ist es erst eine Definierung eines Zieles, doch es ist ein erreichbares Ziel und führt in die richtige Richtung.

Sind unsere Lehrer Weicheier?

Die Diskussionen über die misslungene Bildungspolitik mit ihren gescheiterten Reformen der letzten Jahre reisst nicht ab – und das aus gutem Grund. Ein beachtlicher Teil der Bevölkerung ist sich einig: es muss etwas geschehen – so gehts nicht weiter. Schlagworte wie Wohlfühlschule, Kuschelpädagogik, antiautoritäre Erziehung machen die Runde. In den Volksschulen wimmelt es von Schulpsychologen, jährlich werden immer mehr Kidz „abgeklärt“ … und die Jugendgewalt nimmt zu.

Dabei erstaunt es mich doch immer wieder, wieviele Lehrer die wirkliche Problematik mit den ganzen Reformen sehen, wieviele sich wieder eine etwas konservativere Schule wünschen. Wieviele Lehrer wieder Lehrer sein möchten und nicht nur die auf Kohlenstoff basierende Erfassungseinheit für bildungsmonitorische Statistiken und Wesensbeurteilungen für den Schulpsychologischen Dienst, während sie lektionsweise von Klasse zu Klasse hetzen um den Stoff an die Schüler abzugeben, weil der wichtige persönliche Kontakt zu den Kindern zusammen mit dem klassischen Klassenlehrer flöten ging. Aus meinen Gesprächen mit Lehrpersonen kann ich eine grosse Unzufriedenheit herauslesen.

Doch warum tut sich nichts? Warum stehen die Lehrer nicht endlich auf die Hinterbeine und machen ihrem Ärger Luft, gehen an die Öffentlichkeit, setzen sich gegen die noch immer grassierende Reformitis zur Wehr und opponieren gegen die ihnen bestens bekannten Sesselpädagogen? Sind unsere Lehrer alles Weicheier? Oder haben sie sich selber und ihren Berufsstand bereits aufgegeben und resigniert? Das wäre der Untergang des Schweizerischen Bildungssystem, auf das wir lange Jahre sehr stolz sein durften.

Doch Halt, es gibt sie noch, die Lehrer, die sagen, was sie wirklich denken. Man lese die folgenden Texte:

Warum ich nicht mehr Lehrer bin 
(Artikel aus „Das Magazin“)

Erziehung durch Vorbild – Text gefunden auf winkelried.info
(Peter Keller, Landrat Hergiswil NW, Mittelschullehrer)

Zugegeben, die Liste ist etwas spärlich. Zugegeben, ich hab auch nicht sonderlich lange auf dem Internet nach weiteren Texten gesucht. Zugegeben, ich wusste auch nicht so recht, was ich google für Stichwörter geben sollte. Aber vielleicht gibt es auch einfach keine weiteren kritischen Beurteilungen der Lage von Lehrern … Doch in einem bin ich mir sicher:

Würden sich endlich mehr Lehrer öffentlich äussern, käme etwas mehr Schwung in die Geschichte. Auf die Politiker alleine kann man sich nicht verlassen. Deshalb bitte ich alle Lehrer: rottet Euch zusammen und tut endlich was! Bildung ist zu wichtig, als dass man sie einfach vor sich hin siechen lassen darf. Aber es braucht Euren Effort! Zeigt, dass ich meine Frage mit Nein beantworten kann.

Frühfamilienförderung statt HarmoS

Was haben uns in der ganzen Diskussion über HarmoS die Befürworter vorgejammert, wie wichtig die frühkindliche Bildung sei. Jetzt werden von Bildungsfachleuten plötzlich ganz andere Töne gespukt. Wenn man von Frühförderung spreche, sei damit nicht zwingend Schule gemeint.

Familie ist wichtigster Einflussfaktor

Der Kinderpsychologe und Professor an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik sagt ganz klar, dass es egal sei, ob die Kinder mit vier oder fünf Jahren in die Schule oder den Kindergarten gehen. Viel entscheidender ist, wie die Eltern auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Sämtliche Studien beweisen, dass die Familie und das direkte soziale Umfeld der Kleinkinder der wichtigste Einflussfaktor für die Entwicklung darstellt.

Anregungen schaffen, Neugierde stillen

Alle Kinder, welche in ihren ersten Jahren auf Gottes Erde wenig Anregung erhalten oder häufig vor den Fernseher gesetzt werden, haben schlechte Karten in der Schule. Auch Isolation, zum Beispiel wenn alleine im Zimmer gespielt wird, wirkt sich negativ aus. Solche Kinder verfügen über einen geringeren Wortschatz, schlechtes räumliches Vorstellungsvermögen und oft sind sie auch motorisch weniger fit als ihre gleichaltrigen Kameraden.

Was also ist zu tun? Mit vier oder noch früher in den Kindergarten oder die Basisstufe? Nein! Zwar lernen Kinder von Kindern und es ist wichtig, dass unsere Setzlinge schon in frühen Jahren regelmässigen Kontakt mit anderen Kindern (gleichaltrig und älter) haben. Kinder lernen dass, was sie im Augenblick gerade interessiert. Deshalb bringt es absolut nichts, einige Stunden pro Woche mit den Krümeln in Turnstunden zu gehen oder gar zu versuchen, ihnen das 1×1 beizubringen. Drei- oder Vierjährige lernen nicht in Lektionen.

Die Eltern sind verantwortlich

Nach wie vor sind die Eltern – und nur die Eltern – für die frühkindliche Entwicklung und Förderung ihrer Kinder verantwortlich. Mit den Kindern muss man kommunizieren, ihnen Geschichten vorlesen, sich mit ihnen unterhalten. Jedoch nicht einfach nur während den spärlichen Minuten beim gemeinsamen Abendessen, sondern jeden Tag über längere Zeit. Auch der natürlichen Neugierde der Sprösslinge müssen die Eltern Rechnung tragen und es ihnen ermöglichen, die „Welt zu entdecken“. Die Eltern müssen ihre Kinder beobachten, was sie für Entdeckungen machen. Eltern müssen natürlich eingreiffen, wenn scherwiegende Konsequenzen (schlimmer Verletzungen, etc.) drohen, aber sie sollen den Kindern auch die Möglichkeit geben, unangenehme Erfahrungen zu sammeln. Dies soll nicht nur im Haus oder in der Wohnung geschehen. Es ist ebenso wichtig, dass die Kinder ihren Bewegungsdrang im Freien ausüben dürfen – dann und wann auch unbeobachtet von den Eltern.

Die Eltern müssen die Verantwortung für ihre Kinder wahrnemen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Der Fernseher ist kein Babysitter und HarmoS wird da auch keine sinnvolle Abhilfe schaffen. Die Eltern sind und bleiben letztendlich verantwortlich auch alleine verantwortlich. Helfen kann da nur die Wirtschaft. Sie müssen es den jungen Familien mit flexiblen Arbeitszeiten, Home-Working oder anderen Massnahmen ermöglichen, dass die Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden können. Am Schluss wird es nämlich wiederum die schweizer Wirtschaft sein, welche von den Kindern aus „Frühfamilienförderung“ und verantwortungsvoller Erziehung profitieren können. Staatskinder, wie es HarmoS will, können solchen Kindern nicht das Wasser reichen.

Quelle: Tagesanzeiger

Bussen für Eltern

Am 2. Februar gab der Regierungsrat von Basel-Stadt in einer Pressemitteilung bekannt, dass er mittels einer Schulgesetzänderung die Pflichten für Eltern schulpflichtiger Kinder regeln will. So will man die Eltern in die Pflicht nehmen, ein zum Lernen günstiges Umfeld für ihre Kinder zu schaffen. Insbesondere haben die Eltern künftig dafür zu Sorgen, dass ihre Sprösslinge den Unterricht ausgeruht und mit einem Frühstück versorgt besuchen. Zudem werden die Erziehungsberechtigten angehalten, die von den Schulbehörden einberufenen Elterngesprächen und Veranstaltungen zu besuchen und dafür zu sorgen, dass sich ihre Setzlinge an die Weisungen und Regeln der Schule halten. Bei wiederholtem Missachten können Eltern von der Schulbehörde oder dem Erziehungsdepartement zu Geldbussen bis zu 1’000 Franken verdonnert werden.

Denkt man über diese Massnahme nach, kann man eigentlich nur den Kopf schütteln. Ist unsere Gesellschaft wirklich schon so weit? Müssen wir die Eltern jetzt mit Bussgeldregelungen dazu zwingen, die Aufsichts- und Fürsorgepflicht für ihre Kinder zu übernehmen? Oder ist ein versuchter Angriff nach vorne einer Regierung, die eingesehen hat, dass die Weichspühl-Pädagogik der letzten Jahre nur ein Schuss in den Misthaufen war und sämtliche experimentellen Bildungsreformen an den Volksschulen gescheitert sind? Wenn das „Freie-Wille-Prinzip“ nicht mehr funktioniert, dann wird der Spiess umgedreht und es folgt Repression.

So blödsinnig die Idee des baselstädtischen Regierungsrates auf den ersten Blick auch sein mag, ist es bei näherem Hinsehen ein Fingerzeig in die richtige Richtung. Was nutzen uns Heerscharen von Schulpsychologen und Logophädietherapeuten, wenn sich die Schüler halb verhungert und übernächtigt in der Schulbank räkeln? Was nutzen uns die bestens ausgebildeten Lehrkräfte, wenn die Kinder nicht aufnahmefähig sind? Was nützt uns HarmoS, wenn die elterliche Fürsorge und die Vermittlung von Grundwerten durch die Nahestehendsten der Kinder fehlt? Gar nichts. Deshalb müsste genau das in den restlichen 25 Kantonen ebenfalls umgesetzt werden. Schluss mit dem Teacher-Bashing, Ende mit Schülerverhätschelung, jetzt kommen die Verantwortlichen an die Kasse!

Und zu guter Letzt noch dies: Hundehalter müssen Kurse besuchen, um sich überhaupt ein Flohtaxi zulegen zu dürfen. Sind diese Kläffer mehr Wert als unsere Kinder?