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Dank sei den öffentlichen Verkehrsmitteln

Veröffentlicht in Allgemein von Leonore Häfliger am 6. Jun. 2007

Endlich entkomme ich nach einem 9stündigen Tag den schlecht belüfteten Vorlesungssälen und trolle mich überglücklich und voller Vorfreude zum Bahnhof, wo ich brav am Bahnsteig darauf warte, dass der rettende Zug einfährt. Nach endlos scheinenden 7 Minuten und 38 Sekunden kann man dann auch schon das Surren der Geleise hören und die Lok kommt in Sichtweite. Dies scheint der Moment zu sein, in dem jeder ach-so-müde-und-normalerweise-sehr-vernünftige-Mensch durchzudrehen beginnt und sich einen Platz an vorderster Front erkämpfen will. Es wird gedrängelt und geschupst, Ellbogen fliegen durch die Luft und gehässige Wortfetzen sind zu vernehmen – man könnte meinen, es gäbe etwas gratis.

Super, ich hab’s geschafft: Ich habe mich durch geschicktes Ducken und Vordrängeln bis ins vordere Drittel vorgekämpft und bin somit eine der ersten, die es sich im Bahnwagen gemütlich machen darf. Zuerst gilt es jedoch noch eine andere, höchst komplexe Herausforderung zu bestehen: Zwischen all den anderen Fahrgästen und den dazugehörenden Taschen muss ein freier Platz ergattert werden. Nachdem ich auch diese Aufgabe mit Bravour – ich habe mich im Abteil einer etwa 80 jährigen Oma niedergelassen – gemeistert habe, lehne ich mich erstmals entspannt zurück und erhole mich von den eben erwähnten Strapazen.

Doch schon wenige Augenblicke nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hat, ist es mit der Ruhe auch schon wieder vorbei. Das mir vis-à-vis sitzende Mütterchen gibt Vollgas und textet mich mit den nicht endend wollenden Problemen ihrer Enkelin zu. Erst gute 25 Minuten und unzählige Versicherungen meinerseits, dass die Enkelin, sobald diese ihrer grausigen Jugendzeit entsprungen sein wird, wieder zur Vernunft kommen werde, später, ist die Oma zufrieden und beschäftigt sich mit ihrem, in Grossschrift gehaltenen, Klatschroman aus den 40er Jahren.

Erneut lasse ich mich in den enorm bequemen Sitz zurückfallen um die Lautlosigkeit zu geniessen. Doch weit gefehlt, denn schon kriegt sich das nebenan sitzende Pärchen in die Haare und der ganze Wagon wird unschuldigerweise Zeuge ihres ersten (und evt. auch letzten) Ehekraches. Auch wenn dieses Geschrei ziemlich amüsant und unterhaltsam auf mich wirkt, so bin ich doch überaus froh, als der Zug endlich in der nächsten Station einfährt und das zankende Pärchen, gefolgt von unzähligen Fahrgästen, den Bahnwagen verlässt. Als sich dann auch noch die Omi von mir verabschiedet habe ich ausser der Ruhe sogar noch Platz, meine Beine auszustrecken.

Überglücklich und wissend, dass mir ein zehnminütiger Aufenthalt an diesem Bahnhof bevorsteht, nicke ich auch schon ein und beginne von blauen Blumen und Knabenblütenmorgenträumen zu phantasieren. Gerade als sich Novalis und Goethe in meinen Träumen eine heisse Diskussion über die Bedeutung der „schönen Seele“ liefern werde ich auch schon mit lauter Techno-Musik unsanft auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass ich mich in einem öffentlichen Verkehrsmittel befinde. Aus die Maus und ich bin wieder wach.

Glücklicherweise kommt auch schon bald der Zugführer und erfüllt seine Pflichten. Er ist sich nicht nur bewusst, dass er alle Billete kontrollieren muss, nein, er versieht ausserdem die Übeltäter mit einer Standpauke und droht mit einer Konfiskation des heiss geliebten HiFi-Gerätes, falls nicht sofort Ruhe herrschen sollte im Wagen. Gesagt-getan, und schon verstummen die lauten Töne und es wird das Geschnorr von den vier Teenage-Barbies hörbar, die zwei Abteile hinter mir Platz genommen haben. Diese ziehen durch ihre lauten Gespräche über die ungerechten Lehrer, die bösen Jungs, welche nichts von ihnen wissen wollen, die gestrige Party, auf der jedermann voll besoffen gewesen war und die neusten Trends in Sachen Make-up, genervte Blicke auf sich. Da es mir leider durch physikalische Gesetze verwehrt bleibt meinerseits die vier jungen Damen mit bösen Blicken zu bewerfen, begnüge ich mich damit, vielsagende Grimassen mit dem Herrn von weiter vorne auszutauschen. Da dies die Ladys aber nicht dazu bringt die Lautstärke etwas zu mässigen, greife ich nach meinem mp3-Player um mir Ablenkung zu verschaffen. Ich stöpsle die Kopfhörer in die Ohren und drücke auf Play. Doch wie es der Zufall will, erscheinen statt der üblichen Songinformationen nur die Wörter „Low Battery“ auf der Anzeige und auch die sonst übliche Musik bleibt aus. Pech gehabt, ich bin wohl doch dazu verdammt mir das Tussengerede noch etwas länger anzuhören.

Ich sitze also auf meinem Platz und geniesse die Landschaft, die ziemlich schnell an mir vorbeizusausen scheint – natürlich immer mit den wunderbaren Kommentaren meiner neuen Freundinnen im Hintergrund. Plötzlich werde ich aber wieder aus dieser idyllischen Freude gerissen, als zwei kleine Kinder beginnen, im Gang Fussball zu spielen. Was gibt es schöneres als dazusitzen, den Barbies zuzuhören und von Zeit zu Zeit einen Fussball an den Kopf geknallt zu bekommen. Viel zu bald erklingt dann auch schon die monotone Stimme mit „Nächster Halt, Sursee“ und ich muss leider den Ort der grenzenlosen Ruhe und Freude schon wieder verlassen. Wie schade, ich hätte mich doch so gerne noch zwei weitere Stunden nerven lassen und so beschliesse ich, den nächsten Tag statt an der Uni im Zug zu verbringen, um dieses Glücksgefühl noch etwas länger auskosten zu können …!

Was gibt es Schöneres?!

Veröffentlicht in Allgemein von Leonore Häfliger am 4. Jun. 2007

Wie freue ich mich jeden Tag auf die strahlenden Gesichter der ersten Kunden um sechs Uhr Morgens, wenn diese ausgeschlafen und zufrieden – dem genüsslichen Duft der frischen Gebackenen Gipfel in ihrer Nase folgend – durch die gerade eben geöffneten Pforten des Tankstellenshops schreiten. Schon in aller Herrgottsfrühe, wenn mich der Wecker aus meinen schönsten Träumen reist, um mich mit scheinbar ohrenbetäubendem Lärm auf die Notwendigkeit des Aufstehens aufmerksam zu machen, stimmt mich die Aussicht auf die ergötzte Kundschaft sofort wieder friedsam. Nur schwer kann ich mich gedulden, endlich hinter der Theke zu stehen und die lebensfrohe und äusserst zuvorkommende Kundschaft zu betreuen.

Doch schon allzu bald werde ich immer und immer wieder meiner Ahnungslosigkeit unsanft entrissen und der Ernst des Lebens wird mir mehr denn je bewusst. Statt den erhofften frohherzigen und vergnügten Konsumenten meines mit Liebe gebrauten Kaffees, erwarten mich griesgrämige und übellaunige Arbeiter, die der ganzen Situation nichts Gutes abgewinnen können. Sie erzürnen sich nicht nur der ihnen spät erscheinenden Öffnungszeiten meines Arbeitsortes – nein – sie empören sich auch über das noch nicht Vorhandensein der hoch gepriesenen Schweizer Tageszeitung. Dass ich weder für das eine, noch für das andere die Verantwortung zu tragen habe, scheint ihnen dabei nicht von Bedeutung zu sein und ich werde mit verachtenden Blicken geahndet.

Wie bin ich jeweils froh, wenn sich die Kundschaft nach dem Bezahlen des Trunkes, natürlich ohne das Hinterlassen eines „Zustupfes“ für die Kaffeekasse, endlich wieder auf die Socken macht. Doch die neu gewonnene Ruhe hält meist nicht lange an und schon bald hetzen die gestressten und unter Zeitdruck stehenden Manager durch das Portal der meiner Obhut anvertrauten Verkaufsstelle. Wie es sich für eine verständnisvolle und mitfühlende Person – was man ja wohl von einem in diesem Berufsfeld tätigen Individuum erwarten kann – gehört, verstehe ich natürlich, dass die überaus wichtigen Herren und Damen sich auf keinen Fall die Zeiten nehmen können, um mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Wenn die Geschäftsleute nicht mittels Mobiltelefon die wichtigsten Daten mit ihren Partnern durchgehen, so prüfen sie im Kopf noch ein letztes Mal die Verkaufsquoten und sind verständlicherweise viel zu beschäftigt, um einer unwichtigen Angestellten wie mir auch nur einen guten Tag zu wünschen. Wie bin ich doch schon stolz darauf, den Befehlshabern wenigstens in irgendeiner Form, sei es durch das Entgegennehmen ihrer Kreditkarte oder durch das Aushändigen von Tabakwaren, in ihrem Alltag assistieren zu können.

Je weiter die Zeiger der Uhr jedoch gegen Mittag streben, desto seltener werden die so sehr geschätzten Besuche der Geschäftsführer. Nur noch vereinzelt tröpfeln die Herren und Damen herein und erhaschen sich im vorbeieilen ein stilles Wasser oder ein Sandwich. Dafür trudeln umso häufiger Lieferanten ein, die sich allesamt über die unzumutbare Anfahrt zum Gebäude und die unzureichende Lagerfläche ärgern. Schafft man es jedoch, die Zubringer in ein Gespräch über das Problem der wachsenden Anzahl von Immigranten oder das aktuelle Titelthema der schon genannten Tageszeitung zu verwickeln, so besteht immer noch die Aussicht auf ein paar freundliche Worte zum Abschied. Gelingt einem dies jedoch – aus welchen Gründen auch immer – nicht, so muss man Wohl oder Übel auch auf diesen genüsslichen Moment verzichten.

Hat man dann alle Zustellungen mit den Lieferscheinen verglichen und sich telefonisch bei den Herstellerfirmen nach der vermissten Ware erkundigt, so lockt schon bald der Feierabend. Was gibt es Erfreulicheres, als nach einer zehnstündigen Schicht den Ort, an dem man so unverhofft und abrupt aus seinem kindlichen Glauben an das Gute im Menschen gerissen wurde, zu verlassen!? Schnuppert man endlich wieder die – wenn auch vom Abgas etwas getrübte und verschmutzte – frische Luft der Freiheit, so sind die Qualen schnell vergessen und man freut sich schon wieder auf die am nächsten Morgen wartenden strahlenden Gesichter der ersten Kundschaft…!