Tempo 30: Generell gegen die Autofahrer

Da fahre ich innerhalb einer Tempo-30-Zone mit weniger als 30 Stundenkilometer auf eine Stelle zu, wo vorher noch ein Fussgängerstreifen auf die Strasse gepinselt war. Quasi gleichzeitig, wie ich den ehemaligen Zebrastreifen passiere, latscht ein Fussgänger heran. Weil es wirklich quasi gleichzeitig war, setzte ich meine Fahrt fort – immerhin habe ich als Automobilist in einer Tempo-30-Zone Vortritt. Der Fussgänger jedoch fühlt sich brüskiert und hämmert mir auf’s Autodach. Nach einem kurzen Wortgefecht erschloss sich mir die Tatsache, dass der Mann überhaupt keine Ahnung von den Vortrittsregeln in einer Tempo-30-Zone hat. Doch das rechtfertigt keine tätliche Attacke gegen mein Auto.

«Man muss sich halt informieren»

Tatsächlich ist mein Faustschwinger kein Einzelfall. Die Verwirrung sämtlicher Verkehrsteilehmer in Tempo-30-Zonen ist perfekt. Autos halten an, wo früher Fussgängerstreifen waren, die Fussgänger latschen ebendort ohne einen Blick nach rechts oder links über die Strasse und wundern sich nicht mal, wenn’s quietscht. Und auch wenn man im Bekanntenkreis nachfragt, wie das jetzt sei mit Tempo-30 weiss eigentlich niemand genau, was gilt.

Den Surseer Stadtrat auf die Informationspolitik bezüglich Verhalten in Tempo-30-Zonen angesprochen, wird man auf offenbar zahlreich vorhandenes Informationsmaterial verwiesen. «Man muss sich halt informieren», lautet der Tenor. Eine Holschuld also. Guckt man aber zum Beispiel auf www.tempo30.ch, gelangt man auf die Homepage vom VCS, der sich unter der Rubrik «Tempo 30» hauptsächlich darauf beschränkt, die Vorteile dieser Zonen zu beschreiben und wie man vorgeht, um solche Zonen zu realisieren. Auf der gänzlich unübersichtlichen Webseite sucht man vergeblich nach Material, um zu erfahren, was für Verkehrsregeln gelten.

Gererell gegen den Autofahrer

Über Twitter wurde ich dann von einer Broschüre des VCS in Kenntnis gesetzt, welche das Verhalten der verschiedenen Verkehrsteilnehmer in Tempo-30- und Begegungszonen beschreibt. Bei meiner Suche hab ich nämlich ein Dokument gefunden, welches sich um die Rechtslage kümmert. Ich fand dort aber keinen Hinweis darauf, dass Autofahrer Vortritt haben. Im Gegenzug steht aber überall dort, wo Fussgänger Vortritt haben, dass Fussgänger Vortritt haben. Im anderen Dokument (Tempo 30 Zonen und Begegnungszonen plus) ist tatsächlich die Vortrittsregel beschrieben. Im Abschnitt, wie man sich als Autofahrer innerhalb einer Tempo-30-Zone zu verhalten habe, steht dann aber: «Verzichten Sie auf Ihren Vortritt, wenn Fussgänger/-innen die Strasse überqueren wollen.» Wozu dann also überhaupt eine Vortrittsregel für Autofahrer, frage ich?

Aber nicht nur die Sichtweise derjenigen, die informieren, richtet sich ausschliesslich gegen die Autofahrer. Um den Strassencharakter Tempo-30-gerecht zu gestalten, werden allerhand Hindernisse und Schikanen, Verengungen und sonstiges in die Fahrbahn gebaut. Die Leidtragenden sind immer die Autofahrer. Dem sogenannten «Langsamverkehr» werden alle erdenklichen Freiheiten gewährt. Dass die Verkehrsregeln eingehalten und die Verkehrssicherheit gewahrt bleibt, wird dabei jedoch komplett in die Verantwortung der Autolenker gelegt. Links und rechts wuseln die Fussgänger herum, ein Auto manövriert sich in eine Parklücke, von hinten kommt ein Velofahrer angeschossen und vorne stellt sich mir ein Baum in den Weg. Für den Autofahrer ist das purer Stress. Und sollte etwas geschehen, wird er der Schuldige sein.

Alle gleich behandeln oder Schluss damit

Es gilt, dass den Bedürfnissen der Autolenker ebenfalls genügend Rechnung getragen wird. Regeln gelten auch für Fussgänger und Velofahrer und sie sind ebenfalls dazu verpflichtet, ihren Beitrag zur Verkehrssicherheit zu leisten. Und diese Regeln sind in einer gross angelegten Medienkampagne zu kommunizieren. Fernsehen, TV, Radio, Internet – es gibt weiss Gott genügend Plattformen, um zu informieren. Sollte das nicht möglich sein, gilt es Tempo-30 wieder zu vergessen und zum alten aber bewährten Konzept «Generell 50» zurückzukehren, wo allen ihre Rechte und Pflichten bewusst waren.

1 Response

  1. Justus 27. Mai 2013 / 22:09

    Das gleiche ist mir vor Wochen auch passiert. Obwohl der Fußgängerübergang nicht mehr da ist (Kindergarten wurde verlegt) hatte sich eine Anwohnerin auf ihr Gewohnheitsrecht berufen und schlug mit Ihrem Spazierstock auf mein Kofferraumdeckel.

    Habe die ältere Dame dann erst einmal wegen Sachbeschädigung angezeigt. 70 Meter weiter wäre übrigens eine Ampel gewesen und die gute Frau war auch wirklich noch gut „zu Fuß“!

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