Otto hat mich rausgeschmissen

«Ein Sack Flöhe zu hüten, ist einfacher», sagte Susan Widmer im Fokus auf Tele1 über Otto Ineichen. Sie muss es wissen, war sie ja jahrelang Otto’s politische Assistentin. Otto war wirklich ein Temperamentsbündel. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er mich während meiner KV-Lehre bereits zweimal aus der Firma geschmissen. Und hätte er seinen Kopf durchgesetzt, wäre ich jetzt Lager-Leiter oder Einkäufer.

Kein Witz. Während ich während meiner Lehre für ein halbes Jahr im Chef-Sekretariat stationiert war, rief er mich eines Tages mit der Aufforderung zum Protokoll aufnehmen an eine Sitzung seines Kaders. Ich sass da, inmitten aller Wichtigen, hörte zu und schrieb auf, ohne wirklich zu verstehen, worüber sie redeten. Mit der Zeit dann stellte sich heraus, dass man über die Personalie des Lagerleiters stritt. Otto stellte sich jemand junges, unverbrauchtes für diese Position vor. Mir schwante Fürchterliches. Tatsächlich schlug er meine Person, KV-Stift im zweiten Jahr, dem versammelten Kader als neuer Lager-Chef vor. Ich blickte verdutzt in die Runde und sah überall Gesichter, die nicht recht wussten, ob sie lachen oder Mitleid zeigen sollten. Aber keiner sagte etwas. Otto war eben noch ein richtiger Chef – und einem Chef widerspricht man nicht. Es verstrichen mehrere Sekunden, bis ich begriff, dass es einzig an mir selber liegt, dass ich aus dieser Nummer wieder rauskam. Ich raffte mich also zusammen und erklärte der Runde angestrengt ruhig und neunmalklug, dass es für mich und die Firma sinnvoller sei, wenn ich zuerst meine Ausbildung zu Ende bringen würde, statt ein solches Abenteuer ohne jedwede Kenntnisse von Logistik und Personalführung (ja, solche Wörter kannte ich damals) zu wagen.

Warum ich plötzlich wusste, was der Chef im Schilde führte? Ein paar Monate vorher zitierte Otto mich ins Büro des Finanz-Chefs. Ineichen führte aus, dass die Einkaufsabteilung, damals von zwei Personen besetzt, unbedingt Unterstützung benötige. Otto schlug dem Finanz-Chef vor, dass ich das übernehmen und die Woche darauf sogleich mit nach Honkong fliegen solle. Das Administrative mit der Berufsschule würde er dann schon übernehmen. Damals klärte der Finanz-Chef, welcher gleichzeitig für die Lehrlinge im Büro zuständig war, die Situation für mich, in dem er Otto im Nachzug erklärte, dass ein KV-Stift vielleicht nicht die richtige Besetzung für diesen Posten sei.

1995 war Otto Ineichen auch schon politisch aktiv. Eines Tages bestellte er mich in sein Büro für die Aufnahme eines Diktates. Ich war das gewohnt, er diktierte ab und zu mal einen Brief. Er legte sogleich los und ich schrieb und schrieb und schrieb. Erst als das Diktat bereits drei Notitzblockseiten umfasste, merkte ich, dass es sich dabei nicht um einen normalen Brief handeln kann. Aber um was genau es geht, wusste ich nicht. Also setzte ich mich dann im Anschluss an das Diktat an meinen Computer und haute in die Tasten, damit «der Chef» – so nannten wir Otto Ineichen im Betrieb – rasch Korrekturlesen konnte und die Sache für mich dann erledigt ist.

Denkste. Otto rief mich abermals zu sich ins Büro und diktierte weiter. Ich machte ihn darauf aufmerksam, er solle doch erst mal das lesen, was er vorher disktiert habe, sonst gäbe es dann ein «Gnosch». Otto stellte mich ziemlich heftig und ruhig. Er wurde in seinem Gedankengang unterbrochen, das mochte er nicht. Die Diktiererei wiederholte sich dann noch ein paar Tage. Der Stift schrieb sich die Finger wund, und Otto tigerte in seinem Büro herum und diktierte. Ab und zu musste ich ihm dann wieder ein paar Stellen rezitieren. Dumm war, wenn ich dabei mein eigenes Gekrakel nicht mehr entziffern und deshalb nicht vorlesen konnte. Manchmal hatte Otto dafür Verständnis, manchmal auch nicht und er stellte mich in den Senkel. Während den Diktaten waren wir immer alleine im Büro, die Tür, sonst immer offen, war geschlossen. Otto wollte ungestört sein. Sogar Leute aus der Geschäftsleitung mussten draussen warten, wenn er diktierte. Nur ich durfte ungehindert ins Büro. Ich muss ehrlicherweise zugeben, das war schon cool.

Eines Tages befahl er mich wieder ins Büro und brüllte mich an, was ich denn da für einen «Seich» geschrieben hätte, das hätte er so nie gesagt. Er lag richtig mit seiner Behauptung. Otto neigte während dem Diktat dazu, einen Teilsatz nach dem anderen zu beginnen und so die Sätze derart zu verschachteln, dass er oft vergass, alle Sätze korrekt zu beenden. Das musste ich dann jeweils während der Abschrift am PC erledigen. Dass dadurch mal ein Satzkonstrukt entstand, dass etwas anderes aussagte, als Otto es beabsichtigte, war also gut möglich.

Ein paar Tage war auch noch ein Journalist zugegen, der an Otto’s Buch mithelfen sollte. Aber irgendwie wurde Otto nie so recht warm mit ihm und plötzlich einmal schickte er ihn aus dem Büro: «Ich brauche sie nicht. Mein Stift kann das besser. Sie können gehen.» Auch der Werbeleiter bekam sein Fett ab, als wir das fertige Manuskript dann zum Druck vorbereiteten und es am Mac bearbeiteten. Der Werbemann tippte dem nervösen Otto offenbar zu langsam, er musste den Sessel räumen, denn «der Stift kann das besser».

Otto plante, seine Broschüre unter anderem an alle Nationalräte und viele weitere Personen zu verschicken. Also musste jemand Adress-Etiketten am Computer herstellen. Klar, dass das dem Lehrling sein Job war. Doch mit der Kommunikation stimmte etwas nicht, die Broschüren sollten auf die Post, die Etiketten waren noch nicht fertig und der Stift sass in der Berufsschule. Otto platzte der Kragen, rief im KV-Schulhaus an und liess mich aus dem Klassenzimmer holen. Ich erklärte, dass ich jetzt nicht ins Büro kommen kann, ich sei jetzt in der Schule. Aber ich werde, bot ich an, am Samstag eine Extra-Schicht einlegen und die Sache erledigen. An besagten Samstag sass ich dann bei schönstem Sommerwetter im Büro und tippte Adressen ein. Plötzlich stand Otto in der Tür, huschte ins Büro, kramte etwas herum, kam wieder raus und machte mich sowas von zur Schnecke. Er hat mir wortwörtlich gekündigt, ich solle gleich am Montag zum Finanz-Chef gehen und meine Papiere holen. Als er endlich von mir abliess, drehte ich mich wieder um und töggelte weiter Adressen ein. Es war nicht die erste mündliche Kündigung, die ich von ihm bekam. Otto kam dann ein paar Minuten später nochmal ins Büro, stellte sich vor mich hin und entschuldigte sich für sein Aufbrausen. Ich nahm seine Entschuldigung an und entschuldigte mich meinerseits für mein Versäumnis. Irgendwie schaffte ich es, in meine Entschuldigung noch einzubauen, dass ich jetzt eigentlich Ferien hätte und meine Ferien während der Schulzeit beziehen müsse, weil die Sekretärin während den offiziellen Schulferien selber Ferien hätte und ja jemand das Sekretariat besetzen müsse. Otto schaute mich an, ohne etwas zu sagen und verliess das Büro wieder um dann ein paar Minuten später wieder zurückzukommen. Er griff nach seiner Geldbörse, zückte einen Hunni und steckte ihn mir mit den Worten zu: «Ich wünsche Dir schöne Ferien.»

So war er, Otto Ineichen. Aufbrausend, emotional, manchmal richtiggehend kränkend. Aber er stand immer hin, wenn seine Reaktion übertrieben oder ungerechtfertigt war und schaffte die Angelegenheit persönlich wieder aus der Welt. Man konnte ihm, wie man es in den letzten Tagen auch von vielen Parlamentariern hören konnte, nie wirklich böse sein. Denn trotz seines Tempramentes war er stets anständig und respektvoll – wenn auch manchmal mit einer kleinen Verzögerung. Der Mensch stand bei ihm wirklich immer an erster Position.

Ruhe in Frieden.

1 Response

  1. Heinz Moll 6. August 2012 / 23:49

    Sehr schön geschrieben!

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