Kommentar zur Lehrer-Lehre

Anlässlich des Bildungsparteitages der SVP am 24. März 2012 in Ebnat-Kappel habe ich das folgende Statement abgegeben. Leider scheiterte ich an der 2-Minuten-Hürde für Votanten und musste deshalb on-the-fly massiv kürzen, was mich ziemlich aus dem Konzept warf. Hier nun der ganze Text, es gilt das geschriebene Wort:

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich möchte kurz auf die Lehrer-Lehre eingehen. Ich habe das Konzept mit verschiedenen Lehrpersonen diskutiert. Das Feedback zeigt, dass es einige gute Ansätze hat, jedoch in seiner Gesamtheit durchgefallen ist.

Lehrermangel ist keine Konsequenz aus der Ausbildung. Der heutige Lehrermangel ist nach Aussage von praktizierenden Lehrpersonen eine direkte Konsequenz aus den aktuellen schlechten Rahmenbedingungen, die da sind:

  • Tiefer Lohn, andere Berufsfelder bieten eine bessere Entschädigungen im Vergleich mit den gestellten Anforderungen an die Berufsperson
  • Der Lehrer-Job wirkt noch immer als Sackgasse, da nur beschränkte Aufstiegsmöglichkeiten gegeben sind.
  • Die Mentoren-Tätigkeit wäre zwar ein Karriere-Schritt, ist aber der einzige und stellt deshalb nicht wirklich eine Option dar

In Lehrerkreisen wird übrigens bestritten, dass die PH nur besucht wird, um billig einen akademischen Abschluss zu ergattern. Die Lehrer-spezifischen Aspekte überwiegen doch so stark, dass es einfacher ist, etwas anderes zu studieren. Zudem sei der Anteil Studierender, die auch wirklich Lehrer werden wollen, an den PH’s höher als noch im Semi.

Um dem Lehrermangel entgegenzutreten, muss der Beruf Lehrer wieder attraktiver gestaltet werden. Dabei können folgende Massnahmen helfen, sind das doch Hauptgründe, weshalb viele Lehrer nach nur wenigen Jahren dem Job den Rücken zudrehen:

  • „Unterrichten“ muss wieder den Hauptbestandteil des Berufes ausmachen
  • Das Mitspracherecht der Eltern muss massiv eingeschränkt werden, weniger Elterngespräche und Schluss mit dem Geschrei nach Elternräten. Der Lehrer ist die Fachperson und es nützt nichts, wenn die Eltern ihm ständig in seine Arbeit reinreden.
  • Dem Lehrer muss wieder zu einer Autorität werden
  • Die Schulleitungen müssen ihr Lehrerpersonal z.B. bei Friktionen mit Eltern wieder viel besser unterstützen, statt immer den Eltern nachzugeben
  • Das Ansehen des Lehrerberufes in der Gesellschaft muss gesteigert werden
  • Die Dauerbelastung der Lehrperson muss gesenkt werden. Man hat oft auch an Abenden und an Wochenende keine Ruhe mehr
  • Auch die Entlöhnung muss thematisiert werden. Im Kanton Luzern kann man für Primarlehrer von einem Stundenlohn von 25.- ausgegangen werden. Das ist tief!
  • Stopp von Schulentwicklungs-Projekten und ständigen ideologischen Reformen
  • Schluss mit dem Integrationsansatz von behinderten oder lernschwachen Schülern in Regelklassen. Das lähmt den Schulbetrieb und belastet die Lehrpersonen
  • Schluss mit aufwendigem Bürokratie-Aufwand für die Lehrer, wie von Bundesrat Ueli Maurer angedeutet
  • Schluss mit schlechten SCHILWE-Veranstaltungen (Bastelkurs)

Eine radikale Umstellung des Ausbildungssystems halte ich für nicht nötig. Stattdessen sollen punktuelle Massnahmen auch aus dem Lehrer-Lehre-Papier gefordert werden:

  • Pädagogik ist wichtiger als Fachwissen. Deshalb ist der pädagogischen und didaktischen Ausbildung an den PH’s viel mehr Zeit zu widmen.
  • Diese Lektionen sollen von erfolgreich praktizierenden Volksschullehrer erteilt werden. Wissenschaftliche Aspekte werden von PH-Dozenten ergänzend eingebracht
  • Die praktische Ausbildung an einer PH ist heute um Faktor 10 höher als beim Lehrerseminar. Eine weitere Erhöhung des Praktika-Anteils ist aber trotzdem wünschenswert. Entsprechend sind die Lektionen der „Meta-Theorie“ drastisch zu kürzen oder gegebenenfalls gänzlich zu streichen
  • Es ist die Rückkehr zum Klassenlehrer-Prinzip anzustreben, was für den Schüler die bessere Variante ist, da eine direkte Ansprechperson vorhanden ist und das Kind besser verstanden wird und so besser gefördert werden kann. Das bedingt aber einen höheren Bedarf an Vollzeitlehrern, womit wir dann wieder bei den vorhin erwähnten Rahmenbedingungen wären.

Ich schlage deshalb vor, das Konzept der Lehrer-Lehre zu verwerfen oder zu revidieren und statt dessen konkrete, zielführende, kleinere Massnahmen, in etwa wie ich sie eben zu formulieren versuch habe, zu postulieren.

Es ist gut, richtig und vor allem bitter nötig, dass sich die SVP dem Thema Bildung ernsthaft annimmt. Ich schlage deshalb weiter vor, dass die Partei viel stärker den Kontakt zu amtierenden Lehrpersonen sucht, sie anhört und ihnen das Gefühl vermittelt, dass ihre Probleme in der SVP einen verlässlichen Adressaten finden. Zahlreiche aktive Lehrer haben inzwischen nämlich resigniert, weil sie sich weder von ihrem Verband vertreten fühlen, noch versuchen sie aus eigenem Antrieb gegen das System anzukämpfen, weil sie zu oft verloren und von Schulleitungen und Verbänden im Stich gelassen wurden. Es gibt nämlich sehr viele Lehrer da draussen, die im Grossen und Ganzen unsere Ansichten zur Bildung teilen. Wenn wir all diese Lehrer für uns gewinnen können, haben wir gute Chancen, unsere Bildungs-Ideen durchzusetzen. Die vorgelegte Idee der „Lehrer-Lehre“ ist zu radikal und wird deshalb, auch bei uns positiv gesinnten Lehrpersonen, keine ernst zu nehmende Unterstützung finden. Das von Lehrerkreisen im Kanton Zürich gestellte Manifest zur Lehrerausbildung hingegen würde sofort akzeptiert, weil es nicht eine konkrete und schwierige Umsetzung zu beschreiben versucht, wie das Konzept der „Lehrer-Lehre“, sondern effektive Problemfelder von Lehrpersonen nennt. Deshalb ist der direkte Dialog mit der Lehrerschaft eminent wichtig. Nehmen wir deshalb den Lehrer in den Fokus und helfen ihm, endlich wieder Lehrer zu sein. Es nutzt uns allen.

Polemik um E-Voting

Stimmberechtigte Auslandschweizer verschiedener Schweizer Kantone haben die Möglichkeit, ihre Stimme über E-Voting elektronisch via Internet abzugeben. Dabei ist es bei der Abstimmung vom 11. März zu einer klitzekleinen Panne gekommen. Eine Person konnte ihre Stimme zweimal abgeben. Man lese: Eine Person. Gemäss Medienmitteilung der Bundeskanzlei hat das System den Vorfall entdeckt, gemeldet und die doppelte Stimme wurde wieder entfernt. Ganz im Sinne eines funktionierenden Monitorings.

Die Piratenpartei sieht durch diesen Vorfall die Schweizer Demokratie gefährdet und fordert ein Ende der Experimente, wie sie auf ihrem Webauftritt schreiben. Man spricht von «grossen Schwachstellen» und von «einer Manipulation des Abstimmungsergebnisses» und verlangt die Veröffentlichung des Quellcodes auf dem Internet zu Analysezwecken. Während ich eine gewisse Empörung über eine Panne beim E-Voting nachvollziehen kann, entbehrt die Forderung nach öffentlicher Publikation der Sourcen doch jeder Realität und Vernunft. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass eine Applikation sicherer gestaltet werden kann, indem man deren Programm-Code öffentlich bekannt gibt.

Es ist gewiss eine Tatsache, dass E-Voting noch in den Kinderschuhen steckt und noch nicht alles perfekt läuft. Deshalb ist es aus meiner Sicht sinnvoll, die Software vorab bei den Stimmen der Auslandschweizer unter realen Bedingungen auf ihre Praxistauglichkeit zu überprüfen. Fehler werden erkannt und können behoben werden, Sicherheitslücken können gestopft werden und die Qualität der Software wird verbessert. Und dann gibt es da noch die andere Gewissheit: «Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit!» Auch nicht bei der ordentlichen Stimmabgabe an der Urne im Urnenbüro.

Ich bin für E-Voting. Nicht nur für Auslandschweizer, sondern für alle. Denn ich bin überzeugt, dass durch E-Voting die Stimmbeteiligung erhöht werden kann und das wiederum erhöht die demokratische Legitimation eines Abstimmungsergebnisses. Selbstverständlich ist dem Sicherheitsaspekt die benötigte Aufmerksamkeit zu widmen, keine Frage. Professionalität statt Polemik!

Unnötige Verordnungsänderung zur Berufslehre von Sans-Papiers

Am 3. März 2010 hat der Nationalrat einer unsinnigen Motion mit 93 zu 85 Voten zugestimmt (Ständerat am 14. September 2010), dass jugendlichen Sans-Papiers eine Berufslehre ermöglicht werden soll. Der Bundesrat will die Motion über eine Gesetzesänderung in der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) umsetzen. Die Vernehmlassung dauert bis am 8. Juni 2012.

In einem Bericht definiert das EJPD den Begriff „Sans-Papier“ folgendermassen:

Mit den Begriffen „Sans-Papiers“ oder „Personen ohne gesetzlichen Status“ werden Ausländerinnen und Ausländer bezeichnet, die sich ohne eine entsprechende Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz aufhalten. (…) Es handelt sich dabei um Personen, die entweder unkontrolliert oder mit falschen Papieren eingereist sind und nie ein Aufenthaltsrecht besessen haben, oder die nach einem ursprünglich rechtmässigen Aufenthalt rechtswidrig in der Schweiz verblieben sind (beispielsweise nach Ablauf des Visums, einer Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung oder einem rechtskräftig abgewiesenen Asylgesuch).

Luc Barthassat (CVP, GE) schlägt somit vor, dass künftig illegal in der Schweiz anwesende Personen eine Berufslehre absolvieren können, obwohl sie eigentlich gar nicht hier sein dürften. Illegale werden damit also amtlich namentlich bekannt. Die Gesetzeswidrigkeit, denen sie ihren Status zu verdanken haben, bleibt ungesühnt. Ein Paradoxon sondergleichen.

Doch es geht noch weiter. In der Motion wird grundsätzlich von Jugendlichen gesprochen. Es ist für mich nachvollziehbar, dass ein unmündiges Kind nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn es zusammen mit den Eltern gesetzeswidrig in die Schweiz einreiste. In der vom Bundesrat vorgeschlagenen Änderung in der Verordnung über Zulassen, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (Art. 30a) ist der Begriff „Jugendlich“ aber gänzlich verschwunden:

1 Zur Ermöglichung einer beruflichen Grundbildung kann Personen ohne rechtmässigen Aufenthaltsstatus für die Dauer der Grundbildung eine Aufenthaltsbewilligung erteilt werden, wenn:

Eine dieser Wenn-Bedingungen lautet:

a. sie die obligatorische Schule während mindestens fünf Jahren ununterbrochen in der Schweiz besucht haben und unmittelbar danach ein Gesuch einreichen;

Klar, in der Regel geht man davon aus, dass nur Jugendliche die obligatorische Schule besuchen. Doch das muss ja nicht sein. Die vorliegende Regelung ermöglicht es jedem Illegalen, eine Berufslehre zu absoliveren.

Als weitere Bedingung wird eine gute Integration verlangt:

d. eine gute Integration besteht; und

e. die Rechtsordnung respektiert wird.

Doch was bedeutet das? Schon bei Einbürgerungen ist es schwierig, den Integrationsgrad zu bestimmen. In diesem Punkt ist mehr Klarheit angebracht. Ebenfalls bei der Rechtsordnung. Wie wird ausgewiesen, ob die Rechtsordnung respektiert wird?

Für mich vollkommen inakzeptabel schlägt der Bundesrat im Absatz 3 seiner Verordnungsänderung folgendes vor:

3 Den Eltern und den Geschwistern der betroffenen Person kann eine Aufenthaltsbewilligung erteilt werden, wenn sie die Voraussetzungen nach Artikel 31 VZAE erfüllen.

Wie gesagt, die Kinder kann man in den wenigsten Fällen für ein Fehlverhalten der Eltern verantwortlich machen. Die fehlbaren Eltern dann aber auch noch zu belohnen, ist gänzlich unangebracht. Denn: grundsätzlich müssen alle Personen, die sich rechtswidrig in der Schweiz aufhalten, weggewiesen werden.

Meine Stellungnahme zur Vernehmlassung:

  • Die Möglichkeit für eine Berufslehre für Sans-Papiers muss explizit auf Jugendliche bis maximal 18 Jahre beschränkt werden.
  • Abs1,e ist mit einer Formulierung zu ersetzen, welche bedingt, dass keine strafrechtlichen Delikte vorliegen dürfen und dass mindestens während der Zeit der Ausbildung keine hinzukommen dürfen. Ein strafrechtliches Delikt während der Ausbildung muss zu sofortigen Abbruch der Ausbildung führen.
  • Absatz 3 ist ersatzlos zu streichen.

Andere Fragen:

  • Wieso können illegal in der Schweiz anwesende Personen ihre Kinder ohne Weiteres in die Schule schicken?
  • Was versteht der Gesetzesgeber unter „guter Integration“?
  • Was gedenkt der Bundesrat und insbesondere die Justizministerin gegen die rund 90’000 Sans-Papiers in der Schweiz zu unternehmen und was für Massnahmen werden getroffen, um grundsätzlich dafür zu sorgen, dass sich erst gar nicht Menschen ohne gültige Papiere in der Schweiz aufhalten?

Unnötig

Allerdings halte ich die gesamte Anpassung für gänzlich überflüssig, bzw. der Ansatz des Bundesrates für den falschen Weg. Das Problem für die betroffenen Jugendlichen lässt sich auch auf andere Weise lösen. Ein Jugendlicher ohne gesetzlichen Status kann sich beispielsweise bei seiner Wohngemeinde melden und um ein Gesuch auf Einbürgerung bitten. Die Bedingungen für den Erhalt des Schweizer Bürgerrechts sind in groben Zügen ähnlich wie diejenigen, welche die neue Verordnung verlangt. Ist das Bürgerrecht erst mal erteilt, steht auch der Berufslehre nichts mehr im Wege.