Jugend im Fokus – doch wo war die Jugend?

Mit Spannung verfolgte ich die Arena vom 22. Mai 2009 auf SF1. Die Jugend sollte im Fokus stehen, Themen wie Jugendarbeitslosigkeit und Jugendgewalt sollten diskutiert werden. Für einmal sollten auch keine alten Politsäcke diskutieren, sondern es waren die Vertreter der grossen Jungparteien anwesend. Das Schweizer Fernsehen betitelte diese Zusammensetzung als „Elefäntchenrunde“. Eine doch sehr unpassende Bezeichnung, welche von wenig Respekt gegenüber den engagierten Jungpolitikern rührt.

Durch die Sendung führte nicht wie sonst üblich der überforderte Reto Brennwald, sondern eine ebenso überforderte Dame, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Selbst auf der Arena-Homepage im Internet konnte ich ihren Namen nicht finden. War sich Herr Brennwald zu schade, mit den Jungen zu diskutieren und musste deshalb die unbekannte Lückenbüsserin ran?

Wie ernst das Schweizer Fernsehen die Jungpolitiker wirklich nahm, sollte sich im Verlauf der Sendung herausstellen. Anfänglich bemühte sich die Moderatorin, eine unbeschwerte und lockere Atmosphäre zu schaffen. Jedoch fiel sie in bekannter Brennwald-Manier den Rednern ständig ins Wort und quasselte selber viel zu viel. Von Arena-Moderatoren darf man aber auch nichts anderes erwarten. Viel schlimmer war doch, dass die unbekannte Dompteuse sich eher als verhinderte Kinderbetreuerin verstand statt als respektvolle Gesprächsleiterin. Viel interessanter erschien es ihr nämlich, die komplett irrelevante politische Meinung einer völlig fehlplatzierten und inkompetenten Fabienne Heyne abzufragen, statt die Jungen ausreden zu lassen. Ausreden durfte aber ein anwesender Politologe jüngeren Jahrgangs. Bloss konnte er sich selten themenbezogen äussern sondern wurde meist über die politische Tauglichkeit der Jungen ausgefragt. Das Schweizer Fernsehen traut der Jugend überhaupt keine politischen Kompetenzen zu. Verwundert mich nicht, ist doch das gesamte Programm des Staatssenders eher für unter zwölf- und über fünzigjährige.

Und die Jungpolitiker selber? Eigentlich hätte man auch die bekannten Gesichert aus der Politszene in die Arena schicken können. Denn die Präsidenten der Jungparteien sind mittlerweile auf dem selben Niveau wie die Vertreter ihrer Mutterparteien. Einziger Unterschied war vielleicht etwas die Wortwahl und die Tatsache, dass sich die Diskussionsteilnehmer konsequent geduzt haben – weil sie sich ja kennen – und nicht wie die alten Hasen eine gespielte Vornehmlichkeit aufführten. Besonders schade war, dass die vier mehrheitlich die Parolen der Mutterparteien abgespulthatten. Die einen kokettierter und gewandter, andere eher etwas „gschtabig“. Doch von Jugendlichkeit war leider sehr wenig zu spüren. Auch was die Uneinigkeit untereinander anbelangt, standen die Vier ihren alten Kollegen in nichts nach. Man darf sich wirklich die Frage stellen, was die Jungpolitiker bei ihrem Meeting mit dem Bundesrat bezüglich der Kernfragen – welche im übrigen komplett ungeklärt blieben – erreichen wollen oder möchten.

Die grossen Parteien sollten sich wirklich ernsthafte Gedanken darüber machen, wann bis wann man engagierte junge Leute überhaupt noch als Jungpolitiker deklarieren soll und wann der Übertritt in die Welt der „Grossen“ angesagt wäre. Aus meiner Sicht haben in der Arena keine Jungpolitiker diskutiert. Gedanken machen sollten sich auch die Jungpolitiker selber. Eifern sie zu stark ihren alten Kollegen nach oder wollen und sollten sie sich nicht eher für die wirklichen Anliegen der Jugend einsetzen und ihren Fokus darauf setzen? Oder ist das sogar von den Mutterparteien gewollt – Instrumentalisierung unter dem Deckmantel der Jugend?

Frühfamilienförderung statt HarmoS

Was haben uns in der ganzen Diskussion über HarmoS die Befürworter vorgejammert, wie wichtig die frühkindliche Bildung sei. Jetzt werden von Bildungsfachleuten plötzlich ganz andere Töne gespukt. Wenn man von Frühförderung spreche, sei damit nicht zwingend Schule gemeint.

Familie ist wichtigster Einflussfaktor

Der Kinderpsychologe und Professor an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik sagt ganz klar, dass es egal sei, ob die Kinder mit vier oder fünf Jahren in die Schule oder den Kindergarten gehen. Viel entscheidender ist, wie die Eltern auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Sämtliche Studien beweisen, dass die Familie und das direkte soziale Umfeld der Kleinkinder der wichtigste Einflussfaktor für die Entwicklung darstellt.

Anregungen schaffen, Neugierde stillen

Alle Kinder, welche in ihren ersten Jahren auf Gottes Erde wenig Anregung erhalten oder häufig vor den Fernseher gesetzt werden, haben schlechte Karten in der Schule. Auch Isolation, zum Beispiel wenn alleine im Zimmer gespielt wird, wirkt sich negativ aus. Solche Kinder verfügen über einen geringeren Wortschatz, schlechtes räumliches Vorstellungsvermögen und oft sind sie auch motorisch weniger fit als ihre gleichaltrigen Kameraden.

Was also ist zu tun? Mit vier oder noch früher in den Kindergarten oder die Basisstufe? Nein! Zwar lernen Kinder von Kindern und es ist wichtig, dass unsere Setzlinge schon in frühen Jahren regelmässigen Kontakt mit anderen Kindern (gleichaltrig und älter) haben. Kinder lernen dass, was sie im Augenblick gerade interessiert. Deshalb bringt es absolut nichts, einige Stunden pro Woche mit den Krümeln in Turnstunden zu gehen oder gar zu versuchen, ihnen das 1×1 beizubringen. Drei- oder Vierjährige lernen nicht in Lektionen.

Die Eltern sind verantwortlich

Nach wie vor sind die Eltern – und nur die Eltern – für die frühkindliche Entwicklung und Förderung ihrer Kinder verantwortlich. Mit den Kindern muss man kommunizieren, ihnen Geschichten vorlesen, sich mit ihnen unterhalten. Jedoch nicht einfach nur während den spärlichen Minuten beim gemeinsamen Abendessen, sondern jeden Tag über längere Zeit. Auch der natürlichen Neugierde der Sprösslinge müssen die Eltern Rechnung tragen und es ihnen ermöglichen, die „Welt zu entdecken“. Die Eltern müssen ihre Kinder beobachten, was sie für Entdeckungen machen. Eltern müssen natürlich eingreiffen, wenn scherwiegende Konsequenzen (schlimmer Verletzungen, etc.) drohen, aber sie sollen den Kindern auch die Möglichkeit geben, unangenehme Erfahrungen zu sammeln. Dies soll nicht nur im Haus oder in der Wohnung geschehen. Es ist ebenso wichtig, dass die Kinder ihren Bewegungsdrang im Freien ausüben dürfen – dann und wann auch unbeobachtet von den Eltern.

Die Eltern müssen die Verantwortung für ihre Kinder wahrnemen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Der Fernseher ist kein Babysitter und HarmoS wird da auch keine sinnvolle Abhilfe schaffen. Die Eltern sind und bleiben letztendlich verantwortlich auch alleine verantwortlich. Helfen kann da nur die Wirtschaft. Sie müssen es den jungen Familien mit flexiblen Arbeitszeiten, Home-Working oder anderen Massnahmen ermöglichen, dass die Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden können. Am Schluss wird es nämlich wiederum die schweizer Wirtschaft sein, welche von den Kindern aus „Frühfamilienförderung“ und verantwortungsvoller Erziehung profitieren können. Staatskinder, wie es HarmoS will, können solchen Kindern nicht das Wasser reichen.

Quelle: Tagesanzeiger