Ich habe ADHS

Da sitze ich vor der Flimmerkiste und zappe gerade in die Wiederholung des Clubs auf SF DRS, in welcher gerade über ADHS diskutiert wird. Es spricht ein mittelalterlicher Mann, der sich selber als ADHS-Betroffener bezeichnet und beschreibt, was denn nun ADHS ausmacht. Er habe auf Fragen immer schon die Antwort gewusst, bevor die Frage fertig formuliert war. ADHSler seien Querdenker, die auch mal ungewohnte Antworten geben können, sprich, die Dinge mal etwas anders sehen können. Auch werde er während der Sendung viel mehr Probleme haben, ruhig dazusitzen als die anderen Diskussionsteilnehmer. Der gute Mann listet noch einige andere Eingenschaften auf, welche alle auf mich zutreffen, ich mich jetzt aber nicht mehr detailliert daran erinnern kann.

Wenn ich an einer Sitzung teilnehme und irgendwer quasselt um den heissen Brei herum, zerreisst es mich jedesmal beinahe, bis ich endlich meinen Senf zum Thema beisteuern kann. Schussligkeit und Vergesslichkeit gehören im Erwachsenen-Alter auch zu den ADHS-Symptomen. Passt wunderbar zu mir. Ich bin manchmal wirklich ein Schussel und was ich schon alles vergessen habe, passt auf keine Kuhhaut. Daneben haben ADHS-Patienten auch Mühe, Aufgaben zu planen und zu Ende zu bringen. Trifft voll und ganz zu. Meinen Chef bringe ich mehrmals pro Tag zur Weissglut, weil ich ihm nicht sagen kann, wie lange ich jetzt für etwas brauche.

Denke ich an meine Schulzeit zurück, finde ich ausreichend zutreffende Symptome zu ADHS. So war ich damals sehr leicht ablenkbar, quasselte ständig und musste auch immer irgendwo irgendwie irgendwelche Geräusche produzieren (was ich übrigens auch heute noch praktiziere). Auch musste man mich stets dazu anhalten, langsam und deutlich zu sprechen. Ach ja, un dauch mein Selbstvertrauen ist nicht gerade das grösste.

Jezt aber ist mir alles klar. Ich leide unter Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Das erklärt alles. Jetzt fällt es mir wie  Schuppen von den Augen, weshalb ich bin wie ich bin. Warum nur wurde das während meiner Kindheit oder während der Schulzeit nicht entdeckt? Hätte man mich damals doch bloss zur Abklärung geschickt, dann hätte ich vielleicht doch studieren können und wäre Pilot geworden. Mein Gott, was hätte alles aus mir werden können, wäre ich rechtzeitig mit Ritalin volgestopft und ruhiggestellt worden.

Ach ja, man soll es nicht für möglich halten, aber ADHS bringt auch positive Eigenschaften mit. So sind wir ADHSler unglaublich reich an Ideen, sind künstlerisch kreativ und begeisterungsfähig, hilfsbereit und haben einen ausgewogenen Gerechtigkeitssinn. Wahnsinn! Nun bin ich schlussendlich doch dankbar dafür, dass man mich in meiner Jugend nicht zum Ritalin-Junkie therapiert hat. Lieber ein ADHSler als ein abgestumpfter, emotionsloser, unkreativer langweiliger Bünzli mit Hornbrille und gestreifter Kravatte.

12 Responses

  1. Martin Winkler 13. April 2009 / 17:19

    ADHS hat durchaus jede Menge positiver Seiten und Potentiale. Allerdings ist es halt so, dass diese Möglichkeiten ohne Behandlung meistens nicht umgesetzt werden können. Ob da nicht die Medikation das kleinere Übel ist ? Ich bin da voreingenommen, weil ich halt jede Menge Patienten mit nicht behandeltem ADHS sehe. Wohlgemerkt : Diejenigen, die eben ganz massive Probleme im Alltag, in der Partnerschaft, im Beruf und überhaupt bei den ganz alltäglichen Dingen des Lebens haben.

    Martin Winkler

  2. Thomas 14. April 2009 / 09:45

    Ich (mit diagostiziertem POS bzw. ADHS) bin einer der Beweise, dass es durchaus ohne Medikamente geht. Wenn man daran arbeitet und wenn einem (als Kind) die Eltern unterstützen so wie es meine gemacht haben, dann geht es auch ohne Medikamente. Ich weiss, heutzutage ist die Antwort der Medizin immer gleich mit der grossen Chemiekeule zu agieren. Aber ich stehe mit beiden Beinen und trotz ADHS mitten im Leben. Und das ohne das mich die Ärzte zugedröhnt haben.

  3. Alexander Limacher 14. April 2009 / 09:52

    Ich bin da ebenfalls voreingenommen. Insbesondere in der Tatsache, dass es offensichtlich trendy geworden ist, jede noch so kleine Auffälligkeit eines Kindes sofort abzuklären und zu therapieren. Hat ein Kind Mühe, sich stundenlang im Unterricht ruhig zu verhalten, wird sofort Hyperaktivität diagnostiziert und wohl auch noch meist auf Druck der Eltern eine entsprechende Therapie verordnet. Inzwischen gehört es ja fast zum guten Ton, wenn die Kinder auf Ritalin sind … Ich denke, in diesem Bereich wird massiv übertrieben.

  4. Rita 17. April 2009 / 12:42

    Der heutige Schulstil hat sich enorm verändert.
    Von Schülern wird erwartet, dass sie die gestellten Aufgaben selbst einteilen und zu einer vorgegebenen Zeit abgeben können.
    Gerade sogenannte ADHS Kinder sind damit ziemlich überfordert.
    Es ist ihnen unmöglich Arbeiten einzuplanen. Sie sparen alles bis zum Abgabetermin und kommen dadurch in einen unnötigen Stress mit einem Resultat das tief unter ihrem Können liegt.

    ADHS Kinder benötigen engere Strukturen.
    Leider nur fehlen dazu die richtigen Lehrpläne.
    ADHS Kinderhirne reifen später wenn man es schafft sie in unteren Schulklassen richtig zu fördern stehen ihnen später alle Tore offen.

    Leider benötigen heute die schweren Fälle eine medikamentöse Hilfe damit sie ihr Potenzial ausschöpfen können uznd den Schulaltag nicht.
    zufest stören.

    Die gesamte Schulreform ist gerade für solche Kinder nicht optimal.

  5. Paulina 29. Mai 2009 / 09:33

    Ich bin 19 Jahre alt und habe auch ADHS und nehme Ritalin. bei mir hat man als ich 3 Jahre alt war ADHS diagnostiziert in einem Kinderspital, und bekam mit 4jahre meine Ritalin.
    für ein halbes jahr.
    mit 14jahre wurde ich in eine Psychiatrie eingweisst und bekam erneut wieder Ritalin. was auch ein halbes Jahr später wieder abgesetzt wurde…
    nun bin ich 19 Jahre alt habe kein Schulabschluss, keine Ausbildung, und ein schlechtes benehmen ich kann nicht mal für 2 minuten auf meine fresse hocken, provoziere gerne, flippe völlig aus, kann mich nicht auf das schreiben hier konzentrieren weil ich eigentlich schon wieder was anderes machen möchte, ich habe immer streit, ich muss alle damit konfrontieren wen sie Fehler machen, vergesse immer wieder alles, verliere meine sachen, ich habe heute Nachmittag ein Termin und werde ihn bestimmt vergessen, und das nervigste ich träume einfach vor mich hin…
    Ohne Ritalin könnte ich gar nicht klar denken, nur schon beim schreiben unterlaufen mir Fehler wie denn Satz nicht zu ende schreiben.
    mit Ritalin kann ich mich besser und länger konzentrieren, es ist ein Teufels zeug aber ich würde ohne Ritalin nicht zurecht kommen.

    UND ICH GLAUBE NICHT DAS RITALIN NICHT HELFEN KANN!

    Habe so gut wie nie ritalin genommen was habe ich davon ???
    Kein Schulabschluss weil niemand mit mir zurecht kam
    Job geht auch nicht
    Ich kann nicht mal richtig schreiben weil ich seit der 5 klasse keine schule mehr besucht habe

    und gestern habe ich mich entschieden Ritalin zu nehmen
    und das wo ich verpasst habe nachzuholen !

    ich kann nur eins sagen danke an alle die gesagt haben wir geben dem mädchen kein Ritalin aber wir schmeissen sie aus der schule ….

    und jetzt muss ich ganz alleine wie mein erster tag auf der welt
    lernen , riechen, sehen, und schlafen

    sobald man 18 wird ist man nicht mehr kind und man muss sich alleine in dieser welt zurecht finde und ich habe überhaupt keine chance !
    ich wahr schon als 3 jährige erwachsen weil meine eltern junkies wahren und ich von heim klinik zu heim klinik ging ….

  6. Paulina 29. Mai 2009 / 09:35

    mich macht es traurig ein NIEMNAD zu sein
    der einzige wo mich verstaht isch min Hund
    jede tag troim ich nur …

  7. ADH-Essi 13. Juni 2009 / 19:27

    Kann Rita nur zustimmen. Bei diesem verweichlichten pseudomodernen Schulsystem geht so ein armes Kind restlos baden. Selbst ich muß die Aufgabenstellungen in den Lehrbüchern der 2- / 3. Klasse manchmal 3mal lesen um zu kapieren was die wirklich wollen. Bzw. finde ich sofort 3 Interpretationen. Wie soll dann so ein 8-9j. das verstehen. Mehr STruktur, Wissen fundierter beibringen und nicht so wahnsinnig viel reinpacken, ja das wäre gut. Die Hausaufgaben werden auch nicht klar kommuniziert, so dass eine Kontrolle schwerfällt. Früher war das alles einfacher… Da gabs mal richtig klar strukturierte Hausaufgabenhefte! Aus denen man ersah, bis wann! die Sache erledigt sein muß!
    Naja, aber das zu offenes flexibles Schulsystem fällt sicher nicht ADHS Kids auch ab und zu schwer.

    Hier – hoffe das macht nix, noch eine etwas bissige Satire zu Schule ADHS Mathematik und Ritalin: http://www.gehirnknick.de/index.php/comics-bildgeschichten/76-ads-adhs-mathematik.html

    (Ritalin kann manchen Kids schon helfen, aber nicht allein….)

  8. Thomas Morris 4. November 2009 / 17:14

    Interessanter Ansatz, der zu verfolgen wäre.

  9. Marie 7. Juni 2010 / 05:37

    @Paulina: Die meiner Meinung einzige, die hier wirklich ADHS hat bist du. Das merke ich an deinem Schreibstil und an deiner Rechtschreibungl. Mein Sohn hat es auch in ausgeprägter Form.

    Wir haben alle Medikamente durch. Nichts half auf Dauer wirklich.

    Was ihm zurzeit hilft: ein Ortswechsel, ein Heimatwechsel zu seinem Papa. Dort ist er das zweite Monat sehr glücklich. Natürlich klappt weiterhin nicht alles. Aber er kann nun Dinge umsetzen, die er sich vorgenommen hat.

    Es scheint fast so, als würde Glücklichsein diese ADHS-Menschen anspornen.
    Die Frage ist: Wie kann man glücklichsein im Alltag für längere Zeit aufrecht erhalten?

  10. Karina 17. Oktober 2010 / 17:55

    diese Berichte helfen mir sehr!
    Habe einen Sohn 10 Jahre alt. Wir haben im Kindergarten mit Ritalin angefangen, weil die Hömopathie, Akapunktur, Kinesiologie und Ernährungsergänzung keine Besserung gab. Das Problem bei unserem Kind ist nur dann, wenn er mit anderen Kindern zusammenkommt oder wenn er sich auf etwas freut oder Angst hat. Wenn wir jeden Tag den selben Trott haben und niemals etwas unvorhergesehenes haben, dann gehts. Man muss auch sagen, es geht gut, wenn er machen kann was er will! Er ist aber sehr frustriert, wenn etwas nicht geht. Stellt hohe Anforderungen an sich selbst.
    Mit Liebe und Strenge kann man unseren Sohn nicht erreichen.
    Wir haben dann entschlossen auf Ritalin nicht zu verzichten, weil man uns gesagt hat, evtl. wird er nicht eingeschult werden. Dass gab mir zu denken. Was ist ein junger Mensch heute ohne Schulabschluss?
    Mit Ritalin ging es super gut. Unser Sohn war ein richtiger cleverer Kerl. Er ging ins Turnen, ins Schwimmen und als er dann doch noch in die normale Schule kam, begann er mit Schlagzeugunterricht. Irgendwie benötigt er Vorderung, aber mit Vorsicht!
    Unser Sohnemann ist so ehrgeizig, er wollte immer der Beste sein, wehe, wenn er mal eine Note unter der 5.5 hatte, das ertrug er nicht. Also, ich darf sagen, er ist auch noch super gut in der Schule. Sein Problem ist, er wäre auch ohne Ritalin super gut, kann es aber nicht umsetzen und dass führt zu Frust und Agressivität! Wir haben diese Ferien einen Versuch ohne Ritalin gestartet. Es geht einige Zeit, bis er heruntergefahren ist und sein Normalzustand erreicht hat. Doch auch jetzt sehe ich deutlich, mein Sohn wird niemals ohne Medis die Schule schaffen. Er benötigt sein Trott, seine Ideen! Er wird niemals so sein wie ich es gerne hätte, doch er ist und bleibt ein Original. Er kann heute auch ohne Ritalin rechnen wie eine Maschine, was er gelernt hat, kann er super gut, auch ohne Medis.
    Doch in dieser Schule stundenlang sitzenbleiben und abends noch Aufgaben erledigen, da sehe ich schwarz. Trotzdem will ichs Morgen versuchen. Ich muss es, damit ich sagen kann, ich hab es mir nicht zu einfach gemacht. Unser Sohn geht auch ins Geräteturnen und treibt sonst viel Sport, trotzdem geht leider seine hyperaktivität nicht weg, er ist motorisch sehr, sehr unruhig! Sollte es sich zeigen, dass er Schwierigkeiten bekommt, dass heisst, seine Leistungen sinken, werden wir wieder Ritalin geben. Zusätzlich erhält er Ergotherapie und Neurofeedback.

  11. bluetime 3. November 2012 / 15:57

    mal wieder etwas gegoogelt um neue blogs zum thema zu finden und dadurch auf deinen gestossen.
    ich lebte bis 36 ohne medikation, obwohl ich für mich selber schon immer wusste, dass ich eine adhs-lerin bin:-) 2006 dann ein burnout und gleichzeitig die diagnose…viel ausprobiert, von ritalin, concerta und focalin schlussendlich bei strattera gelandet-damit stimmts für mich, aber es gibt auch wochen wo ichs bewusst weglasse, um meine kreative-chaotische egophase zu geniessen:-)

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