Wenn Kleinigkeiten ins Auge gehen

Kürzlich war gemeinsames Grillieren mit Freunden angesagt. Um nicht alkoholtrunken Justizias Schergen in die Arme zu laufen und weitreichende Konsequenzen zu riskieren, beschloss ich per Fahrrad anzureisen. Immerhin war es ein schöner Frühlingsabend mit sommerlichen Temperaturen – also geeignet für sportliche Aktivitäten. Natürlich stand dabei, wie einleitend bereits erwähnt, nicht die körperliche Ertüchtigung im Vordergrund. 

Kurz bei der Tanke vorbeigeradelt und den Rucksack mit einer Kiste Bier aufmunitioniert, führte mich mein Weg über eine dicht befahrene Hauptstrasse mit Baustelle, was zweifelsfrei kein Vergnügen für den Radfahrer darstellt. Die Möglichkeit, eine etwas später auf meinem Weg befindliche Kreuzung auf einem Schleichweg zu umfahren, blieb mir verwehrt, weil der Grundeigentümer Velofahrer auf seinem Feldweg offenbar nicht duldet – mir zwar unverständlich, aber bitte. Die angesprochene Kreuzung habe ich verkehrstechnisch völlig falsch passiert, weil ich mich aufgrund des Abkürzungsmanövers auf der falschen Strassenseite befand. Die derzeitige Verkehrssituation liess diese Fahrweise glücklicherweise zu. Nachdem ich mich anschliessend noch elegant durch ein sich zur Marschprobe aufstellendes Musikkorps geschlängelt habe, standen mir nur noch zwei Widrigkeiten bevor. Das war die die Traversierung einer Autobahn, welches mir durch eine Brücke ermöglicht wurde, jedoch mit dem unvermeidbaren Übel verbunden, bergauf zu radeln. Ich bin ein Flachlandradler und stehe dazu. Mein Ziel befand sich in der Nähe eines Sees, welcher durch eine Moräne begrenzt wird. Selbige hatte ich also auch noch zu überqueren, um dann endlich ohne weitere Mühen in der Ebene Richtung Grillplatz zu schnaufen. 

Während den letzten Metern meiner Reise – ohne unnatürliche Anstrengungen, wie ich hoffte, passierte es dann. Nicht nur Radfahrer wie meiner einer erfreuten sich ab dem hochsommerlichen Abendklima im Frühling, auch zahlreiche Mücken und anderes fliegendes Kleingetier nutzten die Gunst der Stunde zu einem erquickenden Ausflug. Ein etwas unbeholfenes Exemplar dieser Spezies wurde wohl von der Flugverkehrskontrolle zu spät oder gar nicht gewarnt und befand sich auf direktem Kollisionskurs mit meinem Auge. Weder ich noch der Insektenpilot konnten ausweichen und so endete sein Ausflug in meinem Sehorgan. Für das Insekt tödlich, empfand ich die Begegnung ebenfalls als äusserst unangenehm. Nicht etwa, weil durch meine Anwesenheit ein Geschöpf Gottes sein Leben lassen musste, sondern weil sich sein Grab genau in meinem Auge befand. An dieser Stelle ist nun noch wichtig zu erwähnen, dass ich Linsenträger bin. Das in einem solchen Fall übliche Ausmassieren durch Reibung des Auges Richtung Gesichtsmitte stand folglich nicht als Option zur Verfügung. Bei dieser Technik ist es nicht möglich, den eingefangenen Fremdkörper von der mit Absicht eingesetzten Linse zu unterscheiden. So wusste ich mir temporär nur durch ganz feinfühlige Bewegungen zu helfen und war für kurze Zeit sogar der Überzeugung, den Missetäter entfernt zu haben.  

Nachdem ich dann am verabredeten Grillplatz angekommen war, wurde mir bewusst, dass sich noch immer etwas in meinem Auge befand, was da nicht hingehörte. Ich versuchte also weiterhin, mir mit gefühlvollem Reiben Erlösung zu verschaffen – doch ich scheiterte. Ich hielt es dann für notwendig, meine Freunde über den Flugunfall in Kenntnis zu setzen und bat die neben mir sitzende ausgebildete Arztpraxis-Assistentin, einen Blick in mein Auge zu werfen und mich von meinem leblosen Begleiter zu befreien. Natürlich waren die Lichtverhältnisse zu diesem Zeitpunkt nicht mehr optimal und ich vermutete erschwerend, dass sich das Insekten-Wrack nicht im problemlos zu erspähenden Bereich des Auges befand. Die Medizinalassistentin wusste um gewisse Techniken, die versteckte Absturzstelle aufzuspüren, musste jedoch aufgrund fehlender Praxis und nicht vorhandener mikrochirurgischen Instrumenten ihre Mission abbrechen. Dazwischen habe ich mir sauberes Wasser und eine Serviette besorgt und die Linse entfernt. Somit konnten jetzt zwar die Standardtherapien wie die Massage-Technik oder Auswaschen mittels Zufuhr von Flüssigkeit ins Auge angewendet werden – leider führte nichts zum Erfolg. Da ich mich aber nicht gerne hilflos ausgeliefert fühle, beschloss ich, sämtliche Massnahmen abzubrechen, die Linse wieder einzuführen und das Beste aus der Situation zu machen. Irgendwann weiss sich die Natur selber zu helfen und wird mir Linderung bescheren. Tatsächlich waren die Beschwerden weg, nachdem sich das Auge von den Verschmutzungen, die durch das Einsetzen der Linse nun zusätzlich zu erweitertem Tränenfluss führten, erholt hatte. Ich durfte einen beschwerdefreien Abend in illustrer Gesellschaft verbringen. 

Frühmorgens zu Hause angekommen, standen die üblichen Prozeduren vor dem Schlafen gehen an – unter anderem auch die Entfernung der Linsen. Kaum hatte ich sie herausgefummelt, wusste ich, dass sich noch gar nichts verbessert hatte. Ich werde diese Nacht wohl mit einer Leiche im Auge verbringen. Zur eigenen Beruhigung berief ich mich wieder auf die Erkenntnis, dass sich die Natur schon zu helfen wisse. Wenige Stunden später erwachte ich jedoch wieder und die Störung war mehr denn je spürbar. Nicht schmerzhaft, sondern einfach furchtbar lästig. Die Massage wurde erneut aufgenommen – schliesslich war ich ja linsenfrei. Im Auge reibend und zwischenzeitlich auch schon mit einem Becher Wasser für eine Ausspühlung bewaffnet versuchte ich verzweifelt, dem Unwohlsein ein Ende zu setzen, bis ich nach einigen Stunden niedergeschlagen zur Erkenntnis kam: ich brauche professionelle Hilfe. Ein Arzt muss her! Wenig Vertrauen in die Allgemeinpraktiker setzend machte ich mich im Internet auf die Suche nach einer Notrufnummer für augenmedizinische Notfälle und wurde wieder Erwarten fündig. Nach drei Klingeltönen wurde ich aber herb enttäuscht: eine Tonbandstimme teilte mir mit, dass diese Nummer ungültig sei. Ich war am Boden zerstört, wobei ich immer nervöser in meinem Auge herumfingerte und war gezwungen, meine emotionale Mischung aus Unglauben, Trauer und Wut erst einmal mit einer Zigarette wieder auf ein für weitere Überlegungen taugliches Niveau senken.  

Im Nachbardorf befand sich eine Augentagesklinik, das wusste ich. Somit konnte ich Google wichtige zusätzliche Suchkriterien angeben, um schneller zu den gewünschten Resultaten zu kommen. Die Zigarette bewirkte Wunder und nach wenigen Sekunden tippte ich die nächste Telefonnummer in mein Handy ein. Doch wieder ein Schock: die Praxis ist geschlossen. Pfingsten. Natürlich. Auf dem Tonband wurde ich auf das kantonale Spital in Luzern verwiesen – 25 Kilometer weg von mir. In der Ergebnisliste von Google war noch eine weitere Adresse in meiner Umgebung aufgeführt. Voller Erwartung rief ich da an und wurde – wen wunderts – wieder von einem Tonband begrüsst. Die Farbe meines Augapfels hat sich inzwischen von gesundem Weiss in aggressives Rot verwandelt. Das konnte ich einerseits im Spiegel begutachten, anderseits war es auch heftig spürbar. Mit dem eiskalten Vorhaben, mich zu töten, wenn im Krankenhaus auch niemand zu sprechen war, rief ich selbiges an. Mein Flehen wurde erhört und mir wurde ein Termin zugesichert. Jedoch musste ich mich noch zwei Stunden gedulden. 

Aus den zwei Stunden wurden aber dann alles in Allem fast fünf Stunden. Das Wartezimmer im Ambulatorium der Augenklinik des Kantonsspial Luzern war voller Menschen mit ähnlichen Problemen, wie ich aus den flüsternden Gesprächen Einzelner herauszuhören vermochte. Die 25 Kilometer lange Fahrt mit dem Auto übrigens ähnelte einem Spiessrutenlauf. An das Einsetzen der Linsen war nicht zu denken und meine Brille vermochte die Sehschwäche nur minder zu kompensieren. Tatsächlich befand sich hier der einzige diensttuende Augendoktor der gesamten Region Luzern. Die Schwester war bereits sichtlich genervt und als sich dann noch ein Wartender balkanischer Herkunft über die lange Wartezeit lautstark beschwerte, konnte sie ihrem Frust mit keck formulierten Belehrungen etwas Luft verschaffen. Nachdem es unser Freund aus fernen Landen vorzog, den Wartesaal zu ver- und seine beiden Frauen ihrem Schicksal zu überlassen, offenbarte sich eine ungewöhnliche Kommunikationsfreude bei einer anderen Patientin. Sie schien einen etwas schrulligen Eindruck zu hinterlassen und erklärte dem neben ihr wartenden Verletzten ihre Leidensgeschichte, während ihr Blindenhund gelangweilt auf dem Boden herumlag. Ihren Erzählungen zu Folge arbeitete sie in jungen Jahren selber in diesem Klinikum. Ihre ungebremste Redseligkeit beunruhigte mich dahingehend, dass sie den Arzt ebenfalls mit Belanglosigkeiten und Geschichten von damals zutexten könnte und so die Wartezeit für mich und die anderen künstlich verlängert. Erfreulicherweise handele es sich beim Arzt aber um eine äusserst attraktive, junge und zierliche Ärztin und die alte Dame verzichtete nach dem Verlassen des Untersuchungszimmers weitgehend auf unnötige Konversation. Ich war erleichtert und einige Minuten danach sogar richtig glücklich, als ich nach über 90 Minuten Aufenthalt im Wartebereich endlich auf den Patientenstuhl gebeten wurde. 

Nach kurzer Suche fand die junge Medizinerin die Ursache meines Leidens und konnte selbiges mit Hilfe geeigneter Instrumente und vorgängigem Betäuben der Augennerven souverän entfernen. Es war zwar für uns beide nicht zu erkennen, was für ein Teil des Unglücksinsektes sich jetzt unter meinem Oberlied verkrochen hatte, aber zu diesem Zeitpunkt interessierte mich das gleich viel, wie wenn in Ostchina ein Sack Reis umfallen würde. Mit einem völlig neuen Lebensgefühl verliess ich die Klinik und die Stadt und verbrachte den Rest des Abends geniessend zu Hause vor dem Flimmerkasten und wunderte mich, dass ein dummes Wesen wie ein Insekt – oder auch nur ein Teil eines solchen – einen Menschen und somit quasi den Primus der territorialen Lebewesen derart aus der Bahn zu werfen vermag.

11 Responses

  1. Leonore Häfliger 29. Mai 2007 / 19:43

    Eifach hammer…ech ha no sälte so glachet! 😀

  2. Alexander Limacher 29. Mai 2007 / 20:20

    wäg de ongloublech vele tippfähler oder …??

  3. Leonore Häfliger 29. Mai 2007 / 20:37

    nei…ned emol! Ech fende dä Text eifach loschtig ond interessant gschrebe. Hammermässige Wortschatz ond ou dass du us somene chorze, onwechtige Ereignis so en onterhaltende ond amüsante Text gmacht hesch esch onglaublech! 😛

  4. Alexander Limacher 30. Mai 2007 / 10:06

    aso, so onwechtig esch das gar ned gse … ha müesse liide

  5. Leonore Häfliger 30. Mai 2007 / 18:42

    joooo…besch jo en Arme! 😉

  6. Alexander Limacher 31. Mai 2007 / 10:11

    mhm

  7. Leonore Häfliger 31. Mai 2007 / 11:00

    egal wie blöd dini Kommentär no wärded…ech wott ou emol s’letschte Wort! 😛

  8. Alexander Limacher 31. Mai 2007 / 14:05

    hesch gwonne

  9. Leonore Häfliger 31. Mai 2007 / 23:29

    jetzt scho, jo!!!

  10. Alexander Limacher 1. Juni 2007 / 13:54

    ech mache der doch die fröid gärn

  11. Leonore Häfliger 1. Juni 2007 / 14:44

    besch halt en liebe Götti!!

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