Fasnacht ist nicht lustig

Entgegen allen Meinungen der gemeinen Öffentlichkeit ist die Fasnacht alles andere als lustig. Die Fasnacht an sich und im speziellen die Guggen-Szene ist mittlerweile zu einem harten Business mutiert. Vorbei sind die Zeiten, wo die Guggenmusiken krachmachenderweise durch die Gassen zogen, um mit ihren schrägen Tönen die Geister des eisig kalten Winters zu vertreiben. Vorbei sind die Zeiten, als man sich ein weisses Leintuch überstülpte und mit einem zarten, aber gezielten „Buh!“ sein auserwähltes Gegenüber in einen kurzfristigen Schockzustand zu transferieren vermochte. Aus ist’s damit, sich eine rote Knollennase anzustecken und mittels eines quietschenden Gummihammers für allgemeines Gelächter zu sorgen.

Auch die Guggenmusiken haben sich längst von ihrem kakophonischen Image getrennt. Da ist nichts mehr mit Schunkelliedern und Heirassa. Dem Pöbel im Publikum ist es untersagt, den spielerischen Hochgenuss der auftretenden Musik dahingehend negativ zu beeinflussen, in dem er die Melodie – sofern bekannt – in irgend einer Weise mitträllert, -pfeifft oder gar -singt. Solche Aktionen würden den Hörgenuss des erfahrenen Fasnachtsgängers zu stark beeinträchtigen. Das Publikum hat sich zurückzuhalten, um sich dann nach Beendigung des Vortrages in ohrenbetäubender Lautstärke mit Klatsch- und Johlgeräuschen bemerkbar zu machen und der Gruppe auf der Bühne so zu signalisieren, dass ihre musikalische Interpretation auf Zustimmung gestossen ist. Bevor dann aber das nächste Lied angestimmt werden kann, hat der Applaus zu verstummen, so dass sich der Dirigent innerlich und ungestört auf das neue Stück vorbereiten und auch seine Musikanten durch minutenlanges Taktvorschlagen auf das richtige Tempo trimmen kann. Jegliche unmusikalische Geräuscheinwirkung würde sich auf die Konzentration derart misslich auswirken, dass die ganze heikle und unheimlich diffizile Prozedur des Anfangens wiederholt werden müsste. Guggen-Konzertbesuche sind nicht lustig. Guggen-Konzertbesuche sind eine ernsthafte Angelegenheit und eine aussergewöhnliche Art des musikalischen Ausdruckes.

Die schier anbetungswürdige Begeisterung und die sittliche Würdigung des Gehörten ist der Lohn eines jeden Guggen-Musikanten für die teilweise fast unmenschlichen Qualen während der manchmal endlos scheinenden Monaten der Vorbereitung und des Probens. Drei bis viermal pro Woche trifft man sich im Vereinslokal zur Probenarbeit. Das gemeinsame Üben innerhalb der einzelnen Register steigert den Druck eines jeden Musikanten ins Unermessliche, da jeder Fehler sofort mit stechenden Blicken aller Mitmusiker geahndet wird. Des weitern bemüht man sich elektronischer Hilfsmittel, welche noch nicht mal bei professionellen Blasorchestern Verwendung finden. Alles wird getan, um das absolute Maximum und noch ein bisschen mehr aus dem Kollektiv herauszuholen. Wer diesem Druck und dem Tempo nicht standhalten kann, wird seines Instrumentes entmächtigt und – sofern er oder sie einen gewissen gesellschaftlichen Status erreicht hat – zur Präsentation des Vereinsbanners degradiert. Ohne gewisses Ansehen bleibt dem Opfer nichts anderes übrig, als sich gänzlich zurückzuziehen. Guggen-Proben sind nicht lustig. Guggen-Proben sind eine ernsthafte Angelegenheit, welche für Individualisten und musikalisch mindertalentierte kein Platz und Verwendung hat.

An der eigentlichen Fasnacht selber – welche schon lange nicht mehr die einzige Auftrittsplatzform für Guggen-Formationen darstellt – gelten strikte disziplinarische Richtlinien. Der Konsum von alkoholischen Getränken oder anderen rauschfördernden Genussmitteln vor der Darbietung ist strengstens untersagt. Verstösse gegen dies werden durch kollektive Missbilligung bestraft und können sogar zum Ausschluss aus der Partei führen. Während dem Konzert sind sämtliche emotionalen Gefühlsregungen untersagt. Emotionen können die Konzentration stören und somit wiederum das Resultat der Gruppe negativ beeinträchtigen. Vorgängig erwähnte Genussmittel werden aber auch nach dem konzertanten Teil nicht geduldet. Die Truppe muss sich sofort im Anschluss unter der kompetenten Leitung des Chefdirigenten zur Analyse des eben Gebotenen stellen – diese Stoffe könnten die Auffassungsgabe sowie die Objektivität trüben. Die Leistung eines jeden Musikanten wird anhand von festgelegten Kriterien bewertet, jeder falsche Ton oder gar misslungener Einsatz bis auf das kleinste Detail ergründet und der Urheber des Übels entsprechend zur Verantwortung gezogen. Guggen-Konzerte sind nicht lustig. Guggen-Konzerte sind eine ernsthafte Angelegenheit und widerspiegeln die abgeklärte sterile Perfektion aus der Probenarbeit.

Die Fasnacht ist nicht lustig. Die Fasnacht ist eine ernsthafte Angelegenheit. Wer jetzt noch immer anderer Ansicht ist, hat den Sinn der Fasnacht nicht verstanden und sollte sich – in ernsthafter Weise natürlich – gewisse Überlegungen machen und eine andere Profession suchen. Für Heiterkeit, Freude und Spass hat die Fasnacht keinen Platz.

3 Responses

  1. Melanie Fingerle 25. September 2009 / 12:50

    Ich weiss ja nicht, wer Ihnen diesen Schwachsinn beigebracht hat, aber da wo ich herkomme (Schweiz), ist es üblich, während dem Auftritt einer Guggenmusik mitzusingen, mitzutanzen – teilweise sogar mitzugröhlen. Bisher ist mir noch keine Guggenmusik über den Weg gelaufen, die aufgrund „lauter Begeisterung“ von Seiten des Publikums aus dem Konzept gebracht wurden und aufgrund dessen spielunfähig waren. und glauben Sie mir – ich habe schon einige Musiken gesehen und gehört – denn ich spiele selbst in einer.
    Solche unsinnigen Behauptungen gibt nur jemand von sich, der entweder keine Ahnung hat, wie Fasnacht wirklich funktioniert, oder schlicht und einfach am falschen Ort Fasnacht feiert. Kommen Sie mal nach Solothurn/Luzern… dann sehen Sie, was echte Fasnacht bedeutet..

  2. Alexander Limacher 1. Oktober 2009 / 09:20

    Keine Angst, ich feiere schon am richtigen Ort Fasnacht …

  3. Dani 22. März 2010 / 20:13

    Bin erst jetzt auf diesen Beitrag gestossen. Und ich bin froh darüber, denn so ein Mist den sie das verzählen.
    Gruess eines Präsidenten einer Guggenmusik

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